Magazin News, 12|2017

  

 

 

 

 

Das Gleiche ist nicht dasselbe

 

 

Shakespeares Hamlet ist immer ein großartiges Theaterstück, auch wenn nicht Laurence Oliver oder Oskar Werner die Titelrolle spielen, und Ödön von Horvaths Kasimir und Karoline bleibt ein berührendes, zutiefst menschliches und in der Aussage leider immer noch wahrhaftiges und aktuelles Werk.

Ist dies noch so? Leider fast nie!

Theater lebt von der Stimme des Schauspielers, durch sie wird die Geschichte erzählt und vernommen. Theaterhäuser waren und sind so gebaut, dass sie eine Akustik haben, die die Stimme hörbar macht. In den Ausbildungsstätten wird das Sprechen entsprechend unterrichtet. Doch ist dies obsolet, ja nahezu sinnlos geworden, denn die Schauspieler werden heute mikrofoniert. Je nach technischer Möglichkeit wird das Gesprochene dadurch schlecht vernommen und verstanden. Lautes degeneriert zum unverständlichen Gebrüll und leise Gesprochenes wird meistens unhörbar gemacht. Geschriebene Texte, die die zwingende Vorlage sein sollten, werden verändert und allein durch Phonstärke als Ausdrucksmittel verwendet. Es zählt nicht mehr, wie ein Schauspieler spricht; die technisch gesteuerte Akustik bestimmt im Sinne der Regie das Geschehen.

Damit widerspricht Theater seinem Ursprung, und die Theatersäle verlieren ihren Sinn. Wir bewundern die antiken griechischen Freilufttheater für deren natürliche Akustik desavouieren alle durch verstärkte Anlagen und mikrofonierte Darsteller.

Warum tut man das dem Publikum, den Schauspielern und letztendlich auch den wehrlosen Autoren an? Die stupide Antwort ist, weil Regisseure es wollen und Theaterleiter es zulassen.

Das Theater wird auch das überleben, und das Publikum hat leiden im Theater gelernt.
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Magazin News, 10|2017

  

 

 

 

 

Nicht unsere Sache

 
 
 
Die Mexikaner in den USA und die Türken in Deutschland sind die jeweils größte Bevölkerungsgruppe, die außerhalb ihres Mutterlandes lebt. Die Mexikaner wollen gerne Amerikaner werden – wenn man sie lässt -, die Türken auch im Ausland Türken bleiben. Sie wissen, dass ihr Land das zweitwichtigste in der NATO und der wichtigste Verbündete der USA ist. Der gewählte Staatspräsident, der die Türkei keinesfalls nur mit demokratischen Mitteln regiert, macht eine Volksabstimmung, um das Einverständnis seiner Staatsbürger für eine – für ihn vorteilhafte – Verfassungsänderung einzuholen. Er will auch seine Landsleute in Deutschland überzeugen, für die Verfassungsänderung zu stimmen.

Doch das wollen die deutschen Politiker nicht zulassen und werden dafür sogar von der türkischen Opposition als Heuchler beschimpft, weil das Land der „beispielhaften Demokratie“ Deutschland die Ausübung von demokratischen Rechten anderer Nationen unterbindet.

Ob der Stein des Anstoßes – die Verfassungsänderung – die Demokratie einschränkt, ist nicht unsere Angelegenheit, und wir könnten auch nicht verändern, was andere entscheiden. Also mischen wir uns doch nicht ein, was andere entscheiden.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Magazin News, 8|2017

  

 

 

 

 

Kulturauftrag im Übermaß

 
 
 
 
Wenn die Vorberichterstattung Teil der Kulturberichterstattung ist, da ja der Opernball selber Teil des Kulturauftrages der Staatsoper geworden ist, dann ist folglich die erhöhte Presseförderung ein will-kommener Anlass für Boulevardzeitungen und nicht nur für diese, um seitenweise darüber zu berichten.
Die Leiterin der kalendermäßig einmaligen Veranstaltung ist schon Wochen davor unendlich wichtiger als der Leiter des Hauses. Sie schafft es, mehr und ausführlichere Interviews zu geben als der Staatsoperndirektor in einer ganzen Spielzeit. Ihr Familienleben, ihre Garderobe samt Frisur, Absatzhöhe und Make- up, ihre Schlaf- und Essgewohnheiten sind bundesweit bekannt. Ebenso sehen wir, wie die stets gleichen ORF-Moderatoren in den letzten 22 Jahren ausschauten. Der ORF erfüllt in den Tagen vor dem Großereignis auf allen drei Sendern den, das -übrige Jahr vernachlässigten, Kulturauftrag im Übermaß. Die Zeiten, als gekrönte Häupter, Staatspräsidenten oder ergraute pensionierte Filmstars den Ball besuchten, ist zwar leider vorbei, und die Käufer der über 20.000 Euro kostenden Logen wollen medial unbekannt bleiben. Schämen sie sich, dabei zu sein? Doch wenigstens einer lässt sich
seit einem viertel Jahrhundert ¬ samt seiner immer unbekannter gewordenen Gäste ¬ nicht verleugnen. Das alles und viel mehr ist auf der Welt heute möglich, allerdings nur in unserem geliebten Österreich.
 
 
 
Magazin News, 6|2017

  

 

 

 

 

Druckpapier ist teuer

 

 

 

Man hört es allgemein in journalistischen Kreisen, und man liest es in den immer rarer werdenden Papierzeitungen: Es gibt immer weniger Leser, die eine Zeitung kaufen, aber ständig mehr, die sie im Internet durchgesehen. Folglich ist die Zukunft der Zeitung als Printmedium fraglich und ungewiss. Ursache ist einerseits die neue Technik, andererseits die oberflächliche Bequemlichkeit der Leser allgemein.

Doch wenn man sich anschaut, mit welchen Nebensächlichkeiten die Seiten gefüllt werden, sei die Frage erlaubt, ob nicht auch dies zum Zeitungstod führt. Wer zum Opernball nicht kommen wird und warum nicht, oder was die neue Leiterin tragen wird, ins blatt- und platzdominant, gleichwohl der gute alte Lugner samt teurem Anhang und, als Sensation, diesmal ohne Ehefrau. Und wenn trotz der berichteten Vorhysterie beim Akademikerball der kleine wienerische Bürgerkrieg, den man vermutet hatte, nicht stattfindet, füllt man das Papier mit den Vermutungen, wie es denn gewesen wäre, wenn …

Momentan ist ja Hochkonjunktur in allen Medien jeglicher Art durch die amerikanischen Wahlen und deren trumpische Folgen. Doch im Unterscheid zum Opernball, der dankenswerterweise vorübergeht, bleiben uns der Trumpismus und dessen tägliche Auswünsche erhalten. Der Unterhaltungswert beider ist grenzwertig, doch leider bleibend.
 

 
 
 
 
 
Magazin News, 4|2017

  

 

 

 

 

Der Lockruf des Geldes

 

 

 

Die berühmten, traditionellen Opernhäuser von Neapel, Parma, Palermo, Turin und so weiter leiden unter immer geringerer finanzieller Dotierung, spielen seltener und können sich bekannte Sänger nicht mehr leisten. Diese haben jedoch üppigst dotierte Ersatzauftritte gefunden, wo sie noch dazu vor einem völlig kritiklosen Auditorium singen dürfen. Ich meine einerseits Oman, Dubai, Katar sowie Peking und Shanghai in aufblühenden China. Es geht den Machthabern dieser Staaten, Scheichtümer und Emirate vor allem um eigenen Repräsentationsglamour. Darum, der restlichen Welt zu zeigen, was man sich selbst leisten kann; und darum, damit die ideologische Vorherrschaft zu dokumentieren. Von Netrebko, Kaufmann, Flórez, Fleming bis zu Domingo trifft man Stars allmählich öfter dort als in den alten, traditionellen Opernhäusern Europas oder der New Yorker Met. Die Honorare der Künstler sind im Nahen und Fernen Osten grenzenlos höher als in den Opernhäusern, in denen sie sich ihren Namen gemacht haben.

 

Aber auch gastierende Opernhäuser wandern sehr gut bezahlt in den Fernen Osten. Hauptsache, die Produktionen werden von weltbekannten Veranstaltern hergestellt und gespielt. So wie Wagners „Walküre“, die heuer von den Salzburger Osterfestspielen unter dem Verkaufszeichen „Regie Karajan (†)“ nach Peking verscherbelt wird.

 

Ein Sängerleben ist von kurzer Dauer. Verständlich, dass man sich dort verkauft, wo man am besten bezahlt wird. Doch ob das noch etwas mit Oper oder gar Kunst zu tun hat, ist fraglich.  

 
 
 
 
 
 
Magazin News, 2|2017

  

 

 

 

 

Über Antipathien und Tatsachen

 

 
Die Österreicher mögen die Russen nicht. Das war immer schon so. Die heutige Russische Föderation und die abgespaltenen selbständigen Republiken bilden die Nachfolgestaaten der auseinander gefallenen Sowjetunion. Die meisten von ihnen sind Russland wirtschaftlich und auch politisch verbunden. Die frühere Sowjetunion gehört zu den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, die uns von Natzideutschland befreit haben. Dies ist eine weltweit akzeptierte Tatsache, unabhängig von und trotz der sowjetkommunistischen Diktatur von Stalin bis zum letzten Machthaber Gorbatschow, und Putin ist deren gewählter Präsidentennachfolger. Der Kalte Krieg zwischen den früheren Verbündeten hat die Welt zu deren Nachteil wieder geteilt.
Der heute größte Feind der Welt ist die radikale terroristische Vereinigung IS. Der syrische Bürgerkrieg und seine Folge, der Flüchtlingsstrom, hat eine Weltkrise ausgelöst. Russland, Iran und der Türkei samt Kurden ist es endlich und allein gelungen, den schuldigen Verursacher IS – natürlich durch Kriegshandlungen samt implizierten Kollateralschäden in Syrien – zu besiegen und somit die hoffnungsvolle Voraussetzung für Stabilität zu schaffen.
Die Vereinigten Staaten schauten griesgrämig, beleidigt und untätig zu, und die Gutmenschvereine jammerten wegen der unschuldigen Opfer. Den USA, durch die Intervention im Irak Hauptschuldiger der Tragödie, gehört weiter unsere Sympathie. Und Russland weiterhin der Böse. 

 
 
 
 
 
 
Magazin News, 50|2016

  

 

 

 

 

Der Fisch stinkt vom Kopf her



Niemand, nicht einmal jene politische Partei, die Alexander Wrabetz mit dem Druck ihrer Vollstrecker im politisch gehorsamen Stiftungsrat – gegen den Wunsch und das Interesse der ORF-Zuseher – durchgesetzt hat, konnte eine positive Veränderung erwarten. Man wusste ja aus zwei Amtszeiten, wie Wrabetz wirkte: als Hüter der jeweils herrschenden Partei, ohne den anderen wehzutun. Das Programm war schlecht und teuer, die Einschaltquoten sinkend, außer man hatte das Glück mit der Fußball-EM oder dem Quotensegen von drei Bundespräsidentenwahlen. All dies war jedoch egal, man war ja abgesichert durch die Zwangsgebühren. Jetzt begehrte man – gewohnheitsmäßig – mehr: bescheidene 45 Millionen Euro. Diesmal wollte man diese Lappalie direkt von den wehrlosen Zwangskonsumenten holen, durch eine saftige Gebührenerhöhung von 7,7 Prozent. Doch so einfach wie früher war es nicht: Es wurden am Ende 6,5 Prozent mehr an Gebühren. Denn es nahen ja neue Wahlen, und man will die Wähler nicht unbedingt verärgern. Man überlegt sogar, den von den Parteien besetzten Stiftungsrat zu entmachten, und erwartet Sparmaßnahmen vom Sender selbst. Doch dieser hat noch nie aus eigener Kraft gespart. Wie wird er das jetzt tun?

 

 

 

 

 

 

Die Presse, 15 Dezember 2016

  

 

  

 

 

In Rumänien ticken die politischen Uhren eben anders

 

 

Gastkommentar. Der jüngste Wahlsieg der Sozialdemokraten kommt nicht überraschend.

(von Ioan Holender)

 

  

In Rumänien ist alles anders: Während in nahezu allen europäischen Ländern und ausnahmslos in allen Staaten der EU bei Parlamentswahlen eine klare Tendenz zu Konservativen und Rechtenparteien geht, haben die Sozialdemokraten (PSD) in Rumänien einen überwältigen Sieg von über 45 Prozent der Stimmen erlangt.

Die Wahlbeteiligung war zwar mit unter 40 Prozent äußerst niedrig, und von den fast 800.000 im Ausland lebenden Rumänen haben nur etwa zehn Prozent gewählt. Doch der eindeutige, klare Sieg des Parteiführers Liviu Dragnea steht außer Debatte. Ebenso eindeutig wird Dragnea der nächste Premierminister sein, trotz der Tatsache, dass er bereits rechtsgültig wegen unerlaubter Parteifinanzierung - auf Bewährung - verurteilt wurde.

Wahlen kümmerten Rumäniens Parteien und Parlamentarier schon immer sehr wenig. Und für die Wähler sind die vielen Parteien (meist nur auf wenige Buchstaben verkürzt wie PNL, USR, UDMR, usw.) nur schwer identifizierbar. Wichtig für die mehrheitliche Landbevölkerung ist vor allem, wer ihr Bürgermeister ist. Denn von diesem hängen ihre unmittelbaren Lebensinteressen ab.

 

Weit verbreitete Korruption

Auch die Person des Staatspräsidenten ist von Interesse, in der breiten Volksmeinung stehen die Staatschefs irgendwie immer noch in der Nachfolgen des früheren allmächtigen Nicolae Ceausescu. Der amtierende Präsident, Klaus Johannis, unterstützte
die von ihm installierte sogenannte Technokratenregierung und hoffte, dass Dacian Ciolos als parteiloser Regierungschef zusammen mit der Nationalen Liberalen Partei (PNL) weiter an den Macht bleibt.

Rumänien ist in der bevorzugten Situationen keine Migranten zu haben. Die Medien berichten auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, dass ein paar Syrer an der serbischen Grenze in Rumänien gelandet seien, und als sie sich dessen bewusst wurden, geweinten hätten.

Aber Rumänien erfreut sich der höchsten wirtschaftlichen Wachstumssteigerung von allen EU-staaten. Der große natürliche Reichtum des Landes und die Tatsache, dass Rumänien nach dem Fall Ceaușescus schuldenfrei war, ermöglicht dies - trotz der verbreiteten Korruption, Bestechlichkeit und der Diebstähle.

 

„PSD wird und nicht wehtun“

Freilich ist das Land 26 Jahre nach der Revolution noch immer unterentwickelt. Riesige Summen aus der EU konnten entweder nicht verbraucht werden oder wurden in hohem Maß gestohlen, wie z.B. für den Bau von kaum existierenden Autobahnen im Land.

Die Sozialdemokratische Partei gibt den nicht wissenden und auch nicht wissen wollenden Wählern wenigstens die Sicherheit, dass sie ihnen nichts wegnimmt. Die PSD äußert sich lautstark und vernehmbar gegen die Auslandsinvestoren - in Rumänien immer noch ein verdächtigter Begriff. Dass der künftige Regierungschef wegen Korruption verurteilt wurde, interessiert genauso wenig wie die oft vorkommende Wiederwahl von verurteilten oder angeklagten Bürgermeistern. Denn korrupt oder bestechlich zu sein ist ja nichts Schlimmes, so eine in der rumänischen Bevölkerung weit verbreitete Meinung – das sind ja sowieso alle, die die Möglichkeit dazu haben.

Kaum jemand im Land glaubt, dass die Lebensbedingungen besser werden und dass die politischen Machthaber korrekt sind. Die Begabten und die Fleißigen gehen ins Ausland, die anderen haben Angst, dass es durch politische Kräfte und Parteien, die sie nicht kennen, noch schlechter wird: „Die PSD gab es immer schon seit 1990. Sie wird uns auch künftig nicht wehtun, also wählen wir sie.“
 

 

 

 

 

 

Magazin News, 48|2016

  

 

 

 

 

Geht Ökonomie vor Demokratie? 


 

Die Uhren sind in Kuba im Jänner 1959 stehen geblieben – im selben Monat, als ich nach Österreich gelangte. So ähnlich wie in Ostdeutschland 1947, wo sie 1989 durch den Fall der Mauer wieder ins Laufen kamen. In Kuba ticken die Uhren noch immer nicht frei, aber hoffnungsvoller. Doch der Tod der neunzigjährigen Revolutionsführers Fidel Castro, welcher Angst und Schrecken, Armut und Missachtung der Menschenrechte in sein Land brachte, macht den lang herrschenden und blutigen kommunistischen Diktator derzeit nahezu zu einem Heiligen. Der bis dato letzte österreichische Bundespräsident sagt, er sei von Castros Persönlichkeit und Ausstrahlungskraft (!) beeindruckt gewesen, und Doris Bures, die gelegentlich auch Bundespräsidentenersatz spielt, meint, der von uns Gegangene wäre für viele Menschen die Hoffnung auf eine auf eine gerechtere Welt gewesen. Ich verstehe zwar, dass die wesentlichen Staaten sich im wirtschaftlichen Wettbewerb darum befinden, im unterentwickelten, doch wirtschaftlich offenen kommunistischen Kuba durch Auslandsinvestitionen rasch viel Geld zu verdienen. Doch muss man deshalb jede moralische Ethik und unsere demokratischen Grundsätze derart außer Acht lassen?
 

 

 

 

 

Magazin News, 46|2016

  

 

 

 

 

Unnötiges vermehrt sich

 
 
 
Immer weniger Menschen fahren Ski. In den letzten Jahren schaffte man auch kontinuierlich die Schulskiwochen ab, und jetzt tummeln sich folglich noch viel weniger Skifahrer auf den heimischen Pisten. Weil die Skiindustrie laut aufschreit, da sie weniger verdient, verpulvert man sehr viel Geld mit der künstlichen Herstellung des weißen Pulvers, und damit die Seilbahnindustrie nicht auch noch jammert, baut man immer neue Seilbahnen für die schwindende Anzahl von Besuchern.
 
Damit der weihnachtliche Schmonzesmarkt, bei dem alljährlich das gleiche Unnötige und längst Erworbene gekauft werden kann, nicht auch noch klagt, verlängert man den vorweihnachtlichen Dezember auf den November. Vorgelegte Geburtstagsfeiern sind in der „Gesellschaft“ ja gelebte Praxis, warum sollte man also Jesu Geburtstag nicht auch schon vorfeiern?
 
Berglandschaften werden zerstört, Tiere gestört und die Klimaerwärmung wird gefördert. Die Plätze, Straßen und Häuser leuchten und strahlen, und der Alkohol fließt unter dem Decknamen Punsch in Strömen auf den Gassen.
 

 

Und all dies mit dem alleinigen Ziel und Zweck, dass der eine mehr Geld ausgibt, damit der andere mehr einnimmt. 

 

 

 

 

 

Magazin News, 44|2016

  

 

 

 

 

Nachgedanken zum 26. Oktober 


 

Es haben in der Vergangenheit schon Bedeutendere ihre kritische Meinung über die fragwürdige Entscheidung geäußert, den 26. Oktober zum österreichischen Nationalfeiertag zu erheben. Unberücksichtigt blieb der 27. April 1945, an dem Österreich von den Alliierten befreit wurde. Am 26. Oktober 1955 trat die Neutralität in Kraft, und die letzten Truppen jener vier Länder, die unserem Staat die Wiedergeburt als Österreich ermöglichten, hatten das Land verlassen. Dank der Geschicklichkeit und Trinkfestigkeit von Außenminister Leopold Figl in den Verhandlungen verließ der letzte Kämpfer der Roten Armee unser Land, und der Auftritt auf dem Belvedere-Balkon wurde Geschichte. Die Absenz eines Oberbefehlshabers, sprich: Bundespräsidenten, hätte heuer die singuläre Gelegenheit geboten, diesen Feiertag einmal nicht mit dem Aufmarsch der Reste unseres glorreichen Bundesheers zu feiern. Aber man behielt auch dies so bei, wie es immer war. Wie wohltuend wäre es gewesen, statt einer Leistungsschau von Bewaffneten und Waffen am selben Platz eine Leistungsschau von Kultur und Kulturtragenden zu veranstalten. Das Kulturland Österreich wäre dadurch gewiss repräsentativer und auch sympathischer abgebildet worden.

 

 

 

 

 

Magazin News, 42|2016

  

 

 

 

 

Der Nobelpreis für Musik

 

 

Das Thema “Prima la musica – dopo le parole” ist nicht neu, doch durch die Vergabe des begehrtesten Literaturpreises an den Sänger Bob Dylan plötzlich besonders aktuell. In Richard Strauss‘ Oper „Capriccio“ wird mit unentschiedenem Ausgang darüber debattiert, ob der Text oder die Musik wichtiger sei. Doch es steht fest, dass in der gesamten gesungenen Literatur die Musik ausschlaggebend ist – unabhängig davon, in welcher Sprache der Text gesungen wird. Verdis Opern werden nie gelesen, sogar Richard Wagners selbst getextetes Œvre wäre ohne seine Musik Makulatur geblieben. Und auch Dylans hervorragende Textdichtungen wurden als solche nie rezipiert und wären ohne die dazugehörige Musik nicht bekannt geworden. Das alles wissen natürlich auch die Personen, die den Nobelpreis vergeben. Aus ihrer Wahl könnte man schließen, Dylans Texte wären wichtiger als seine Kompositionen. Auch Maurice Chevalier, Édith Piaf oder Udo Jürgens haben wertvolle Texte zu ihren Liedern erfunden, und Elton Johns Songtexte sind manchmal von literarischem Wert. Die Literaturverlage werden davon nicht profitieren, die Musikverlage umso mehr. Ganz so, als ob der Nobelpreis für Literatur auch ein Musikpreis wäre. 

 

 

 

 

 

Magazin News, 40|2016

  

 

 

 

Ein würdiger Abschluss

 

 

Nicht ohne Skepsis versuchte ich an der Menschenmenge beim Eingang des Raimundtheaters vorbei in den Zuschauerraum zu gelangen. Fernsehkameras und der rote Teppich für verblasste Starlets versperrten den Weg für „einfache“ Besucher, aber solche waren ja kaum da. Im Musical „Schikaneder“ wird der gefährliche, weil falsche Satz „Wenn man das Geld beim Fenster hinauswirft, kommt es bei der Türe vermehrt herein“ zwar oft gesagt und gesungen, doch die Produktion ist keineswegs opulent. Der mitinszenierte Zwischenapplaus samt Bravorufen begann schon nach der Ansage, doch ebbte diese störende Maßnahme im Lauf der Vorstellung ab. Denn die Geschichte ist gut erzählt. Es war wirklich nicht alles Gold, was die Vereinigten Bühnen Wien auf dem Musicalgebiet so alles herausbrachten, aber diesmal gelang Erstaunliches: Oper, Tanz, Kunst und Schauspiel durchdringen einander, es wird gut gesungen und gesprochen. Das ist doch schon was, dazu hätte man nach der Premiere das große Buffet im Festsaal des Rathauses (!) für alle Rathausnahen vor und hinter dem Vorhang gar nicht gebraucht, auch die Eigenlobreden nicht. Das Produkt „Schikaneder“ hätte genügt für Thomas Drozdas würdigen Abschied von den VBW. 

 

 

 

 

 

Magazin News, 38|2016

  

 

 

 

Nur so ist man richtig wichtig

 

 
Ein wichtiger Mann trägt einen Bart, mindestens einen Dreitagebart. Je älter der Mann, desto wildwüchsiger der Bart, um männliche Potenz vorzutäuschen. Die Kopfhaare sind vorne ganz kurz oder kahl, hinten lang und zu einem Rossschwanz gebunden. Der Mann von Welt trägt einen engen, zu kurzen dunkeln Anzug, wobei der Sakkoknopf den Anschein erweckt, dass er gleich platzen wird; dazu möglichst auffallende Sportschuhe oder wenigstens knallbunte Socken. Natürlich hat man(n) zu jeder Tages- und Nachtzeit eine viel zu große Sonnenbrille auf und würdigt seine Umgebung keines Blickes. Doch das Entscheidende – ohne das gehört man einfach nicht zu den wichtigsten Menschen – ist, dass man Stöpsel in den Ohren hat immer und überall mittels Handy – oder, noch besser, Laptop – Gespräche führt. Am besten in öffentlichen Verkehrsmitteln beim ein- und Ausstieg, um effizienter zu stören. Bevorzugte Gesprächsorte sind auch die Ticketschalter am Flughafen und der Durchgang des Fliegers, wobei die Nachkommenden natürlich warten sollen. Der Nachteil ist nur, dass es von solchen Typen immer mehr gibt. So entsteht das Problem, dass wir nicht mehr wissen, wer unter all den Wichtigen der Wichtigere ist.
 

 

 

 

 

Magazin News, 36|2016

  

 

 

Die Königin, die keine war

 

 

Der Sarg der verstorbenen Gattin des letztes rumänischen Königs Mihai I. wurde gleich an drei verschiedenen Orten verabschiedet. Die gesamte Regierung war jedes Mal anwesend, der 94-Jährige Gatte aber konnte aus gesundheitlichen Gründen an den Zeremonien nicht teilnehmen. Mihai I., der Diktator Antonescu 1944 verhaften ließ und die Allianz mit Hitlerdeutschland aufkündigte, wurde 1947 exiliert, verzichtete auf den Thron und heiratete in der Schweiz die jetzt verstorbene Prinzessin Ana. Sein Vater und königlicher Vorgänger Carol II. starb im Exil in Estoril, nachdem er seine Lebensgefährtin Elena Lupescu-Grünberg geehelicht hatte. Von Mihails Mutter ließ er sich scheiden. Das Kuriose an der auch sonst kuriosen Geschichte dieses Königshauses ist, dass Carol II. im Jahr 2003 exhumiert und in der Kathedrale der rumänischen Könige nochmals begraben wurde, seine jüdischstämige Gattin, wegen der er das faschistische Rumänien 1940 verlassen musste, hingegen im Friedhof dahinter. Königin war weder Elena noch Ana; beide Frauen wurden nur von Ex-Königen geehelicht. Die jetzt Verblichene aber bekam ein königliches Begräbnis, Mihais Stiefmutter nicht. Monarchistische Ränkespiele in der Republik Rumänien. 

 

 

 

 

Magazin News, 34|2016

  

 

 

Ein Ruf, der Tradition hat

 


Über eine Verurteilung des damaligen Präsidenten des Olympischen Komitees, Graf Henri de Baillet-Latour, der mit Hitlers sympathisierte und die NS-Propaganda-Spiele 1936 in Berlin gegen den Protest der freien Welt durchsetzte, haben wir genauso wenig gelesen wie etwas gegen einen seiner Nachfolger, Avery Brundage, der öffentlich bedauerte, dass Hitler die 1940 Deutschland zugeschanzten Winterspiele kriegsbedingt ansagte. Der heutige IOC-Chef Thomas Bach scheint die politisch korrumpierende Tradition weiterzuführen. Vom eher unbedeutender Österreichischen Olympischen Comité haben wir auch noch nie ein bedauerndes oder erinnerndes Wort über die im Jahr 1936 verhinderte Teilnahme der jüdischstämmigen österreichischen Sportler gelesen. Dass Judith Deutschs Schwimmrekord später wieder anerkannt wurde, war nur ein Feigenblatt. Und im Zeichen der politisch korrupten, anpassenden, mutlosen und geldgierigen Weise des IOC wurden die Spiele in Rio, trotz der evidenten und weltweit kritisierten Begleitumstände, unter denen diese stattfanden, genauso kritiklos hingekommen, wir bleiben der Verlogenheit und sem Wegschauen treu, nicht nur, was die mächtige und reiche Olympria-Führung betrifft.
 

 

 

 

 

 

Magazin News, 32|2016

 

 

 

Eine Robe, die alles überstrahlt

 

 

Über die Abendrobe der Titelsängerin der konzertanten Darbietung von Giacomo Puccinis als Bühnenwerk komponiert Geschichte der Manon Lescaut wurde mehr berichtet als über die Aufführung selbst. 40 Meter Seidenrips, 60 Meter Seidenorganza, 120 Meter Tüll und 35.000 Kristalle umfasst das teuerste Kostüm der Festspielgeschichte mit 30 Metern wogendem Saum. Das trägt die „Fanciulla povera“, und ihre Anwesenheit ist laut der Salzburger Festspielpräsidentin „der Höhepunkt des Kultursommers“. Für mehr als drei Konzerte Aufführungen hatte die bestsingende und übermäßig mediatisierte Anna Netrebko für Salzburg keine Zeit. Die Festspiele sind aber stolz, dass sie überhaupt Zeit fand. Man ist sehr bescheiden geworden beim laut Eigendefinition besten Festival der Welt. Meine marginale Randfrage dazu: wer hat das teuerste Kostüm der Festspielhistorie, das kein Theaterkostüm ist, sondern nur die Robe, die die Sopranistin beim Konzert trägt, bezahlt? Nicht die Festspiele, sprich der Steuerzahler, hoffe ich. Und auch nicht Frau Swarowski als Werbung für ihr Privatunternehmen. Oder war es doch die Robenträgerin, der diese jetzt wohl auch gehört? Zweifel ist erlaubt, Aufklärung wünschenswert.

 

 

 

 

 

 

Magazin News, 30|2016

 

 

Viele Festivals, wenig Publikum


 

Die unverhältnismäßige Vermehrung der Sommerveranstaltungen, die Erhöhung der Platzkapazitäten und die Verlängerung der Spielzeit haben die traditionellen klassischen Festspiele Krise katapultiert. Verona und die Puccini-Festspiele in Torre del Lago haben Millionenschulden und wurden mit einem Regierungskommissar zur Sanierung versehen. Die Künstlerhonorare für 2015 sind zum Großteil noch ausständig. Mörbisch kann durch die verfehlte Vermehrung der Zuschauerplätze, gespart mit dem schwindenden Interesse für die Operette, nicht einmal die Eröffnung füllen, während Verona (über 20.0000 Plätze) schon froh ist, wenn die Hälfte der Karten verkauft wird. Für die Salzburger Festspiele gibt es im Internet Tickets für alles außer für die Wiederholung der „West Side Story“. Bregenz schafft die Budgetlatte auch nur, weil nur alle zwei Jahre etwas Neues gespielt wird. Bekannte Sänger treten in Verona kaum mehr auf. Das nur populäre Titel umfassende Programm hilft trotzdem nicht, mehr Touristen anzuziehen. Genauso wenig wie die aggressive, teure Werbung für einen Steinbruch in Burgenland. Die Gier nach immer mehr hat nur immer Schlechteres und Teureres gebracht. 

 


 

 

 

Magazin News, 28|2016

 

 

Die leere Hofburg



Mindestens ein Vierteljahr lang wird die Hofburg leer stehen. Die zahlreichen Protokollbeamten, Sekretärinnen, Berater und das Wachpersonal sind de facto bereits arbeitslos, ob weiter bezahlt oder nicht, zu tun werden sie nichts mehr haben. Das Gehalt des zu Wählenden erspart sich die präsidentenlose Republik jedenfalls für mindestens drei Monate. Der ungültig gewählte VdB kriegt ja  nichts, und die drei Nationalratspräsidenten, die jetzt auch Bundespräsidenten sind, bekommen nichts dazu. Im Not sind nur manche Festspiele geraten, die der Abgetretene Bundespräsident gern eröffnete. Salzburg hat sich als Ersatz die Erste Nationalratspräsidentin geschnappt; wir können jedoch zuversichtlich sein, dass in Bregenz, Ossiach und anderswo auch uneröffnet gespielt wird. Nur die Militärgarde verliert Auftritte. Und sind die bundespräsidentenlosen drei Monate dann glimpflich vergangen – woran niemand zweifelt -, könne man auf die Idee kommen, dass wir den Posten gar nicht brauchen. Wir würden uns sehr viel Geld ersparen, aus der schönen Hofburg könnte man ein unsere „große Vergangenheit“ illustrierendes Museum machen, das sogar Geld bringt. Und das Ausland würde uns zweifellos ernster nehmen als derzeit. 

 

 

 

 

 

Magazin News, 26|2016

 

 

Jetzt beginnt das ORF-Duell

 

 

Der schon lange, viel zu lange amtierende ORF-Chef hat endlich einen Mitbewerber bekommen. Sehr harmonisch war das enge zusammenleben der beiden wohl eher nicht, aber der zweite Mann im Haus sieht und weiß so manches. Würde man evaluieren, was im ORF unter Wrabetz‘ Führung qualitativ geschehen ist, bedürfte es keiner Diskussion mehr um seine weitere Kandidatur. Das bis jetzt Geschehene sagt alles, warum soll es zukünftig anders werden? Aber leider zählt nicht das Ergebnis, sondern die parteipolitischen Sympathien. Christian Kern erklärte Wrabetz bereits zu seinem Kandidaten, und die SPÖ-Stiftungsräte werden ihm wie Schafe bedingungs- und meinungslos folgen. Bei Wrabetz‘ Bestellung war die FPÖ entscheidend, später schwenkte er nach links aus und schluckte brav auch einen roten Pelikan, den er allerdings bald ausspucken musste. Der ORF-Konsument, der seine Gebühren zahlt, versteht nicht, wofür, und schon gar nicht, warum Vorhandenes nicht besser werden kann. Auch ohne Gerd Bachers Bonmot, dass der amtierende stets der schlechteste Chef sei, den der ORF je hatte, wissen wie ORF-Zuschauer, was wir zu sehen bekommen, und hoffen auf Besseres. Interessiert das die Politfunktionäre gar nicht?

 

 

 

 

 

Magazin News, 22|2016

 

Wahrzeichen Militärmusik

 

 

 

Nach seinem Übereifer in Sachen Grenzzaun-Bauen baut der Verteidigungsminister von der SPÖ jetzt auch seine künstlerisch-musikalischen Ambitionen teuer aus. Die zum Teil leer stehenden Kasernen sollen „auf unbefristete Zeit“ erhalten bleiben, und die Zusammenlegung der Militärmusik ist ebenfalls vom Tisch, denn bis zu 47 Musikanten soll jedes Bundesland weiter besitzen. Darüber hinaus soll dieser essenzielle Teil der österreichischen Mentalität – ein Wahrzeichen unseres Musiklandes und unserer Republik – durch die Wiener Philharmoniker geadelt werden, indem der pensionierte Vorstand des Vereins ein inhaltliches Konzept zum Weiterbestand der Militärmusik zwar „kein primäres militärisches Ziel“ sei, sie aber eine „hohe traditionelle Bedeutung“ habe. Na, das wenigstens hören viele freudig. Somit wird versucht, die verlorenen Sympathiewerte des noch schwächeren Koalitionspartners zu Verstärkern, indem man die momentan mit eigenen Sorgen beschäftigten Verbündeten – unter dem Vorwand, zum Wohl des Musiklandes Österreich zu agieren – ausnützt. Wenn wir schon Flüchtlinge dulden müssen, dann doch wenigstens auch staatseigene Militärmusikanten.
 

 

 

Magazin News, 20|2016

  

Salzburger Verharmlosung

 

 

 

Im August 1944 fand bei den Salzburger Festspielen, die nach Goebbels‘ Dekretierung des „Totalen Krieges“ nicht mehr abgehalten wurden, die Generalprobe von Richard Strauss‘ letzter Oper „Die Liebe der Danae“ statt. Der Komponist verdankte diese Ausnahme dem Überredungsgeschick seines Lieblingsdirigenten Clemens Krauss, der dies bei seinen Berliner Parteigenossen durchsetzte. Wilhelm Sinkowicz schreibt in der „Presse“ heute (!) mit offenbar tränenerstickter Feder darüber, dass der achtzigjährige Strauss mit tränenerstickter Stimme dankte und glücklich war, auch diese Oper zumindest einmal noch gehört zu haben. Wie gesagt im August 1944. Und die Salzburger Festspielpräsidentin schreibt heute (!), die Geschichte rund um die abgesagte Uraufführung im Jahr 1944 zeige die Rolle der Festspiele, bei denen Opfer und Täter zusammengekommen seien. „Da saßen die, die gegen Hitler gekämpft haben, und jene, die sich blenden ließen, nebeneinander“. Die Generalprobe fand natürlich als geschlossene Veranstaltung, nur für geladene Gäste, statt. Und jene Menschen, welche gegen Hitler gekämpft hatten, waren damals in den Konzentrationslagern oder meistens bereits tot. Und das sollte doch die Frau Festspielpräsidentin heute wissen.

 

 

 

Magazin News, 18|2016

 

Was wollte das Stimmvolk sagen?
 
 
 

Gar nichts kann und wird der am 22. Mai neu gewählte Bundespräsident ändern können. Er wird genauso irrelevant bleiben, wie alle seine Vorgänger es waren. Aber diese Wahl war wichtiger als je zuvor, indem die wählenden Menschen sehr deutlich den Wunsch geäußert haben, dass sie nicht mehr von den „Großparteien“ regiert werden wollen. Die Unzufriedenheit mit der Verteilung der Prüfende an ihre Sympathisanten im öffentlichen Bereich wurde klar bewiesen. Ob Flüchtlinge, Gesundheit, Bildung, Kultur, Bundesheer, ORF oder EU – wie es ist, will man es nicht weiter haben. Wie die führenden Personen der Regierenden heißen, ist wahrlich nicht das Anliegen jener, die gewählt haben. Weder ein anderer Faymann noch ein anderer Mitterlehner kann etwas verändern, genauso wie diese selbst es auch nicht können. (Auch mit anderen Kandidaten als dem mit der rot-weiß-roten Krawatte oder jenem mit dem traurig-resignierenden Blick wäre das Wahlergebnis nicht anders ausgegangen.) Ob das angenehm ist oder nicht, nur sofortige Neuwahlen wären eine ernsthafte Reaktion und würden Verständnis zeigen für das, was die Menschen in diesem Land ausgedrückt haben. Wer von den beiden Herren dabei der neue Bundespräsident sein wird, ist sekundär.

 

 

 

Magazin News, 16|2016

 

Nicht ohne meine Geige

 

  

Wir werden in den Flugzeugen zwar – ähnlich wie überall – mit Musik berieselt, doch wehe, ein Musiker will mit seinem Instrument reisen. Kontrabässe und Celli kann man nicht als normales Gepäck aufgeben, denn die Versicherungen stufen dies als grob fahrlässig ein und zahlen bei einer Beschädigung nichts. Nimmt der Cellist sein Instrument mit, muss er einen zweiten Sitz kaufen, zuzüglich Flughafensteuer und Gebühren, obwohl Mrs. Cello weder isst, trinkt noch aufs Klo geht. Bucht der Musiker ein Business-Ticket, muss sein Instrument neben ihm sitzen und voll zahlen. Ehepartner könnten in verschiedenen Klassen buchen, das – Cello nicht. Jetzt darf man bei vielen Fluglinien auch keine Geigen mehr mitnehmen – obwohl der Geigenkasten samt Instrument kleiner und viel leichter ist als ein Koffer und selbstverständlich im Gepäckfach Platz findet. Sogar auf Geigenbögen wird Jagd gemacht, denn in manche ist ein drei Zentimeter langes Stück Elfenbein eingearbeitet, dessen Transport den Artenschutz verletzt. Internationale Petitionen der Musiker sind im Laufen, die EU interessiert sich nicht dafür, denn es geschieht in der Luft und nicht am Boden, wie die Krümmung der Gurken. Und was sagt unsere „friendly Airline“ im Musikland Austria dazu? Nichts.

 

 

 

Magazin News, 14|2016

 

Die verhasste Sommerzeit

  

 

Niemand will die sinnlose Uhrenherumdreherei zweimal im Jahr machen, aber wir müssen. Warum eigentlich? Weil es seit 36 Jahren so ist. Damals wurde die Sommerzeit von Kreisky, Androsch und der Energieagentur zum Sparen von Heizung und Licht erfunden, obwohl dies schon damals nicht bewirkt hat – außer Ärger für Mensch und Tier. Ärzte sagen, dass Schlafstörungen oder Stimmungsschwankungen auftreten. Herz-Kreislauf-Patienten sind besonders gefährdet, und Kühe geben mehr oder weniger Milch durch die Störung ihres gewohnten Rhythmus. Eingeführt wurde die Zeitumstellung 1916, im Zuge der energieintensiven „Materialschlacht“. 1919 schaffte Deutschland die ungeliebte Maßnahme ab, um sie 1940, wiederum zu Kriegswecken, auch in den besetzten Gebieten wieder einzuführen. Zwischen der Ölkrise 1973 und 1996 wurde die Sommerzeit hin und her an- und abgeschafft, bis die EU sie überall verordnete. Medizinische Studien zeigen, dass durch die Vorverlegung der Zeit der Hormonspiegel bis zu viereinhalb Monate braucht, um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Fazit: Die Zeitumstellung ist schlecht für Mensch und Tier. Wenigstens diesen Unsinn könnte die EU leicht wiedergutmachen.  

 

 

 

Magazin News, 12|2016

 

Eine Gattung wird künstlich beatmet

  

Weine nicht, Steuerzahler, denn es hilft leider nicht. Die Subventionsmillionen für mäßige Unterhaltung mit riesigem Aufwand für immer weniger Menschen werden mit Ihrem Steuerbeitrag trotzdem bezahlt. Das geschieht zwar weltweit nirgends, doch Österreich ist eben anders. Schon bei der extrem teuren Renovation des Etablissements Ronacher warnten Kundige, dass die Gattung Musical nichts Neues mehr bringe. Aus Angst, mit neuen Musicals wieder keinen Erfolg zu haben, spielt man Bekanntes mit inferioren Darstellern, teurer, doch nichtssagender Ausstattung und ohrenbetäubender akustischer Verstärkung der Darsteller und des üppig besetzten Orchesters. Erfolg heißt hier lediglich, wie viele Menschen ins teuer renovierte Ronacher kommen, und nicht, wie viele Eintrittskarten die Besucher zum vollen Preis kaufen. Die Premiere ist ein "Seitenblicke"-Ereignis, bei dem man sogar ein verblasstes Musicalsternchen mit neuer jugendlicher Begleitung bestaunen kann. Doch für die feierliche Zusammenkunft von ehemaligen Berühmtheiten - besser gesagt, solchen, die sich dafür halten - und pensionierten Bühnenleitern, die samt den Musicals gealtert sind, muss man nicht versuchen, eine ganze Gattung künstlich am Leben zu erhalten. 

 

 

 

Magazin News, 10|2016

 

Kleiner Aufwand, ganz große Oper

 

Musiker (Akkordeon, Violine, Kontrabass) die gesamte Partitur von Georges Bizets „Carmen“. Mit bloß vier Sängern und einem phänomenalen Tänzer-Darsteller wird die blutige Liebesgeschichte in hoher Qualität dargeboten, wobei die Sängerin der Titelrolle, Natalia Kawalek, gesanglich und darstellerisch eine echte Entdeckung ist. Nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf ist im Theaterkeller am Fleischmarkt durch die künstlerische Leitung des Duos Geyer-Schwarz in kurzer Zeit ein konkurrenzfähiges Kleinod großer Opernkunst entstanden, welches von alten und sehr vielen neuen, jungen Opernbesuchern überrannt wird. Die drei lauten, in Mark und Bein gehenden Zupfer mit dem Eifersuchtsakkord am Bass machten mehr Wirkung als so manches groß besetztes Orchester. Wodurch wieder mit äußerst geringen Mitteln hohe Kunst ermöglicht werden kann. Sogar in der Oper. Sogar in Wien.

 

 

 

Magazin News, 8|2016

 

Saure-Gurken-Zeit fürs Bundesheer

 

In der Auseinandersetzung für oder gegen das Bundesheer war die Pflege der Militärmusik ein Hauptargument der Befürworter. Andere objektive Argumente gab es ja kaum. Die Gardemusik sei eine Bereicherung der Kulturlandschaft, erklären deren Leiter stolz, sie ermögliche jungen Künstlern den Start in Gesangs- und Musikerkarrieren. Viele ehemalige Gardemusiker spielen heute in Berufsorchestren. So gesehen ist es schade, dass Frauen  nicht zum Bundesheer müssen, sonst hätten die Philharmoniker vielleicht mehr weibliche Mitglieder. Das Orchester der Gardemusik spielt nicht nur in Festsälen diverser Amtshäuser, sondern auch außerhalb der Residenzstadt, etwa in Stainach-Irdning, und bei den festlichen Anlässen des Bundespräsidenten. Für jeden Präsidenten wird eine Hymne komponiert; die Musikwelt wartet schon gespannt auf die Komposition für den nächsten Amtsträger. Das Aufspielen bei namhaften Bällen – Ball der Pharmazie, Ball des Grünen Kreuzes, Ball der Offiziere natürlich – ist aber die Hauptbeschäftigung der braven musikalischen Rekruten. Nach der Ballsaison stehen sie ohne Aufritte da. Zum Glück nicht allzu lang, denn bald wird die Gardemusik zur BP-Wahl aufspielen, Präsenzdiener werden statieren. Wie  gut, dass Österreich noch ein Bundesheer hat. 

 

 

 

Magazin News, 6|2016

  

Die öffentliche Selbstvernichtung
 
 
Bei der Weltklimakonferenz in Paris versuchte Österreich daran mitzuwirken, die Erderwärmung zu senken. Aber im eigenen Land tut man das Gegenteil: Bis zu 176 Millionen Euro lassen wir uns die künstliche Beschneidung pro Saison kosten. Für dieses Geld könnten wie 16.412 Flüchtlinge ein Jahr lang erhalten. Die vier größten Städte in Tirol verbrauchen gemeinsam pro Jahr so viel Wasser wie Tirols Schneekanonen in einem Winter, der jährliche Energieverbrauch für die Kunstschneeerzeugung liegt in Österreich bei rund 15.000 kWh. Das Beschneien belastet auch die Umwelt: Weil Kunstschnee eine andere Struktur als Naturschnee hat, führt er zum Ersticken und Erfrieren zahlreicher Pflanzenarten. Das Wasser wird auch den Bächen entnommen und beeinträchtigt deren Ökosystem. Das und der Lärm der Schneekanonen haben schädliche Auswirkungen auf die Tierwelt. Da die Seilbahn- und Hotelbereiber weiterhin und immer mehr verdienen wollen, die Ausgaben für Kunstschnee aber steigen, wächst der Druck auf die öffentliche Hand, sprich: den Steuerzahler, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Aber was ist wichtiger, die pekuniären Interessen und die Vergnügungssucht Auserwählter – oder das Bewahren und Erhalten von Lebensnotwendigem? 
 

 

 

Magazin News, 2|2016

 

Nur nichts ändern, was immer so war

 

Bei der bevorstehenden Bundespräsidentenwahl kann theoretisch jeder Antretende gewinnen. Ob es erstmals in der nicht langen Geschichte, seit wir einen BP haben, eine Frau wird, die sich immerhin schon in der Neujahrsansprache geübt hat, oder ein Tiroler Politveteran, der Österreich "mag", wissen wir genauso wenig wie, ob ein angesehener Herr Professor der Auserwählte wird, der bereits verkünden ließ, dass "euer Präsident" spreche, wenn er spreche. Mit Sicherheit aber wissen wir, dass sich bei einer Volksbefragung über die Notwendigkeit dieses Amtes die Mehrheit dagegen aussprechen würde. Statt sehr viel Geld dafür auszugeben, dass jemand Auszeichnungen vergibt, diverse mehr oder weniger wichtige Veranstaltungen eröffnet und am Operball und andernorts den Ehrenschutz übernimmt, könnte man die Obliegenheiten des Bundespräsidenten in jährlicher Rotation einem der amtierenden Landeshauptmänner übergeben und den Titel des Oberbefehlshabers des schwindenden Heeres dem sowieso unterbeschäftigten Verteidigungsminister übertragen. Dann würde man auch skurrile Kandidaten a la Rosekranz, Lugner u.a. vermeiden. Damit man auch einem Teil des schwarzen Volkswillens entspricht, könnte der Darling von NÖ nebenbei auch Bundespräsident sein, falls er sich nochmals zum Vater der Niederösterreicher küren lässt.  

 

 

 

Die Presse, 07.01.2015

 

Die Oper blüht in aller Welt, aber nicht die Darbietungen
Gastkommentar: Die Zukunft der Oper kann nicht in versunkener Vergangenheit gelingen
 
Die numerische Anzahl der staatlich, städtisch und kommunal geförderten Operndarbietungen in geschlossenen Häusern und in Freilichtaufführungen steigt weltweit ständig.
Durch den freien Reiseverkehr in Europa ist einerseits eine große Anzahl von gut ausgebildeten Sängern aus den früheren Ländern hinter dem Eisernen Vorhang überall präsent, und andererseits sind neue Auftrittsmöglichkeiten in den südosteuropäischen Opernhäusern inklusive jene der früheren Sowjetunion entstanden. Im prosperierenden, immensen und reich gewordenen China entsteht ein großes Opernhaus nach dem andern, und sogar in arabischen Ländern, die nicht strikt islamisch geführt sind, entstanden und entstehen  Opernhäuser, siehe Oman, Dubai und bald auch Katar.
 
Was den Kartenverkauf bzw. die Karteneinnahmen betrifft, also den wirtschaftlichen Teil des Unternehmens, kann man ruhig sagen, die Oper blüht weltweit. Die Anzahl der verkauften Karten ist in unserem staatlichen Opernhaus sehr hoch, und dass man die Kartenpreise stets erhöht, hat keinerlei negative Auswirkung auf den Besuch.
Was hingegen die Qualität der Operndarbietung betrifft, befindet sich diese stets und überall auf fallendem Niveau. Sowohl in den so genannten Spitzenhäusern aus auch in den – für die Kunstgattung lebensnotwendigen – mittleren und kleineren Stadttheatern.
 
Das Repertoiretheater, also jenes, welches in einer Spielzeit eine große Anzahl von verschiedenen Werken spielt, ist im Aussterben oder wird nur noch in wenigen Häusern mit hohen finanziellen Opfern als Touristenattraktion künstlich und mit immer schlechterer Qualität erhalten.
Die unverzichtbare Bedingung für das Repertoiresystem ist ein Sängerensemble, ein hohes Niveau von wenigen Dirigenten, die dieses Ensemble gut kennen und eine kundige künstlerische Leitung des Betriebes.
Alle diese drei existenziell notwendigen Faktoren sind kaum noch zu finden. Ein guter und vielversprechender junger Sänger bleibt nicht lange in einem Ensemble, denn er bekommt Gastierangebote um mehr Geld und für größere Rollen, die er im Ensemble nicht oder wenn überhaupt nur unter schlechteren Bedingungen, bekommt.
Eine behutsame Führung von kundigen Dirigenten findet so gut wie nirgends statt, denn auch diese ziehen das erträglichere weltweite Gastieren vor. Keinen seriösen Dirigenten interessieren zudem Vorstellungen ohne entsprechende Proben.
Stimmkundige und interessierte Opernleiter gibt es kaum mehr. Direktoren sind nur an kurzfristigen Erfolgen interessiert, die mediale Aufmerksamkeit entfalten und vordringlich durch das Engagement von neuen und Sensation auslösenden Regisseuren ermöglicht werden. Wie überhaupt eine der Ursachen des sinkenden Gesamtniveaus von Opernvorstellungen das Primat des Szenischen zum Nachteil des Vokal-Musikalischen ist.
 
Der verzweifelte Versuch von manchen Musikjournalisten die versunkene Vergangenheit mit einem großen kundigen Sängerensemble, welches das Publikum kennt und schätzt ist eine Chimäre und nicht mehr herstellbar. Gastsänger waren die Ausnahme, heute sind sie die Regel geworden. Reisen ist kein Hindernis mehr und alle wollen jeden und jeder will überall sein. Sängerleben sind durch die Mehrbeanspruchung viel kürzer geworden und reichen nicht  dazu aus, dass diese bekannt werden.
 
Ein rasches und radikales Umdenken und die Neugestaltung der großen Repertoirehäuser mit wenigeren Titeln, vielleicht auch weniger Vorstellungen ist der einzige Weg, damit diese kaum noch als Spitzenhäuser zu bezeichnenden teuren Einrichtungen überleben können. Besetzte Stühle in einem Theater können nicht ein Gegenargument für Mittelmäßigkeit sein.
 
 
 
Die Presse, 11.12.2014
 
 

Der Deutsche macht …

 

Gastkommentar: Wie die Sozialdemokraten dem deutschstämmigen Klaus Johannis zum rumänischen Präsidentenamt verholfen haben

Victor Ponta, der wieder amtierende Ministerpräsident, führte nach dem ersten Wahlgang um die Präsidentschaft Rumäniens mit satten 10 % vor allen anderen Konkurrenten und unterlag im zweiten Wahlgang seinem Gegenkandidaten Klaus Johannis - gegen alle Wahlprognosen - mit 43 zu 57 Prozent.
Vor zwei Jahren gelangte die sozialdemokratische Partei (P.S.D.) zur absoluten Macht, indem innerhalb des Parlaments zahlreiche Abgeordnete die Parteizugehörigkeit wechselten. Seitdem regiert die P.S.D. – zusammen mit der kleinen Ungarnpartei – mit dem 42jährigen Victor Ponta als Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten. In der Nachfolge seines aus dem Amt scheidenden Intimfeind Traian Băsescu war Victor Ponta der einzige und vermeintlich sichere Kandidat zur Erlangung der – gemäß der rumänischen Verfassung - wichtigsten Stellung im Land. Pontas Bekanntheitsgrad, vor allem auch in der ländlichen Bevölkerung im sogenannten Altrumänien (also der Walachei und Moldawien), war unvergleichlich größer als jener von Johannis.
Aber die regierenden Sozialdemokraten wussten schon nach der großen Niederlage ihres Kandidaten Mircea Geoană bei der letzten Wiederwahl des Präsidenten Băsescu, dass die sich im Ausland befindenden rumänischen Staatsbürger – und es gibt derer mehr als eine Million in Spanien, Italien und Deutschland oder den Vereinigten Staaten – mehrheitlich nicht die als korrupt und ineffizient eingestufte Linke wählen werden.
Und somit machten sie den Kardinalfehler, die Anzahl der Wahllokale außerhalb Rumäniens derart einzuschränken, dass die Menschen sich viele Stunden in endlosen Schlangen anstellen mussten und der Großteil trotzdem nicht mehr zur Wahlabgabe kam. Das löste in den letzten Wahlstunden auch im Inland eine äußerst heftige Reaktion aus und sehr viele, insbesondere junge Wähler, fühlten sich veranlasst jetzt erst recht in Rumänien von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen: gegen Ponta und somit für Johannis.
Gegen den Wahlverlierer Ponta und seine P.S.D. demonstrieren jetzt immer mehr Menschen wegen der Wahlbehinderung und der Oberstaatsanwalt überlegt eine Anklage gegen den Ministerpräsidenten Ponta und seinen Außenminister wegen Behinderung eines von der Verfassung garantierten Bürgerrechts.
Die Ungarische Partei ist schon aus der Koalition ausgetreten und es ist nur noch eine Frage der Zeit bis Ponta seinen Posten und seine Partei die Regierungshoheit verliert.
Klaus Johannis, der tüchtige deutsche Mann aus Sibiu, sprich Hermannstadt, der nicht als ein Parteimann angesehen wird, spricht wenig und wenn auch nicht ein besseres Rumänisch als Ponta, doch eine ehrlichere und glaubhaftere Sprache und symbolisiert das rumänische Sprichwort „neamţul tace şi face“ – „der Deutsche schweigt und macht“.
Und somit ist der Erste Mann im Staat, so wie anno 1881 der erste König des neu gegründeten Rumäniens Carol der Erste von Hohenzollern-Sigmaringen, wieder ein Deutscher. Und er verkörpert allein die Hoffnung der Rumänen, 24 Jahre nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur Nicolae Ceaușescus, endlich die vielstrapazierte Übergangsperiode (Perioada de tranziţie) zu verlassen und wieder ein besseres und würdigeres Leben zu haben.
 
 
Salzburger Nachrichten, 13.12.2014
 
 
Drei Tage in der Kulturhauptstadt Riga
 
Ganz Lettland hat mit seinen knapp über 2 Mio. Einwohnern in etwa so viele Einwohner wie Wien. Doch allein die Kulturgeschichte Rigas mit ihrer Anzahl an weltbekannten Künstlern, die hier tätig waren und sind, ist überwältigend und in der Tat beeindruckend. Richard Wagner war im alten Stadttheater als Mitarbeiter engagiert und Bruno Walter hatte hier seine erste Anstellung. Leo Blech war Chefdirigent, nachdem er 1933 die Berliner Oper als Jude verlassen musste und die heutigen – zur absoluten Weltspitze gehörenden - Dirigenten Mariss Jansons und Andris Nelsons haben ihre Karriere an der Rigaer Oper begonnen.
 
Wenn das Renommee eines Opernhauses von der Berühmtheit der Sänger abhängt, die hier groß geworden sind und sich international etabliert haben, dann ist die Nationaloper von Lettland eine der bedeutendsten der Welt heute. Kristine Opolais, Elina Garanca, Inese Galante, Aleksandrs Antonenko oder Egils Silins gehören zu den Weltstars des internationalen Opernbetriebes. Beim Besuch der Nationaloper, ein prachtvolles klassizistisches Gebäude aus dem Jahr 1863, empfängt mich Zigmars Liepins, der Generaldirektor des Hauses. Im Opernsaal fällt mein Blick auf die Zuschauerplätze, die mit Namen versehen sind. Zigmars Liepins erklärt mir, dass es sich dabei um die Namen von Sponsoren handelt, die in den neunziger Jahren des 20. Jh. in die Restaurierung des Hauses investierten.
 
Mit Mikus Čeže, dem Historiker und Dramaturg der Nationaloper, erkunde ich weiter die Stadt. Die Keimzelle der Altstadt, die seit 1997 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, bildet der „Konventhof“, ein mittelalterlicher Gebäudekomplex, der renoviert wurde und heute das romantische Hotel „Konventa Seta“ beherbergt. Der weltberühmte Dom mit seinem neugotischen Portal, dessen Grundstein im 13. Jh. gelegt und nach einem Brand 1590 fertig gestellt wurde, besitzt eine Orgel mit 6718 Pfeifen. Sie zählt zu den größten und akustisch besten der Welt. Franz Liszt komponierte für dieses Instrument. Das 1334 entstandene, von deutschen Truppen gesprengte und 1999 wieder aufgebaute „Schwarzhäupterhaus“ am Rathausplatz mit seiner auf die holländische Renaissance zurückgehenden Fassade ist heute das meist fotografierte Gebäude der Stadt.
 
Die Architekten des beginnenden 20. Jahrhunderts prägten die Stadt mit ihren Jugendstilbauten. Rund 800 Gebäude aus dieser Epoche haben sich im Stadtzentrum erhalten, das sind mehr als in anderen europäischen Städten.Die prächtigsten Jugendstilbauten in Riga finden sich in einem Viertel rund um die Alberta iela und in der Neustadt. Viele dieser Häuser wurden vom Architekten Michail Eisenstein, dem Bruder des weltberühmten Filmemachers gebaut. So auch die 1903 fertig gestellte berühmte Häuserzeile der Elizabetes iela 10. Überreicher Fassadenschmuck, eine originelle Farbgebung und die typischen Omega-Fenster charakterisieren diesen Baustil. Gemeinsam mit Mikus Čeže besuche ich das Jugendstilmuseum, das in einer Wohnung untergebracht ist. Alle Räume sind mit authentischen Gegenständen aus dem Jugendstil bestückt. Es erinnert mich an meine Jugendzeit in Rumänien, ein Stil, den meine Mutter als „kitschigen Operettenstil“ bezeichnet hätte. Wert hatte nur, was Antik oder Barock war. Heute ist hingegen Jugendstil nahezu nicht weniger gesucht.
 
Im Jahr 1921 wurde Riga Lettlands Hauptstadt, als das Land nach der deutschen Besetzung zu Ende des 1. Weltkrieges seine Unabhängigkeit erklären konnte. Es folgte die Blütezeit der Stadt bis Lettland durch Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts im Jahr 1939 unter Einfluss der Sowjetunion geriet. Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im zweiten Weltkrieg wurde Lettland von der Wehrmacht besetzt. Bei der Rückeroberung 1944 rollten die Panzer der Roten Armee durch die Stadt. Lettland wurde erneut von der Sowjetunion okkupiert und blieb auch nach Kriegsende sozialistische sowjetische Republik. 1991 erkannte die Sowjetunion die Unabhängigkeit Lettlands an, Riga wurde wieder die Hauptstadt eines souveränen lettischen Staates.
 
Mikus Čeže führt mich zum hoch aufragenden Freiheitsmonument - das bedeutendste politische Symbol der lettischen Unabhängigkeit. Das aufwändig gestaltete Denkmal wurde 1935 geschaffen. Die Reliefs auf dem Freiheitsdenkmal symbolisieren das Selbstverständnis der Letten. Der Wunsch des lettischen Volkes nach Unabhängigkeit und Freiheit, dargestellt durch 56 Skulpturen. Eine zentrale Figur ist der lettische Sagenheld Lāčplēsis, der einen gefährlichen Bären mit bloßen Händen tötete. Eine Aufforderung, sich gegen feindliche Mächte zur Wehr zu setzen. Čeže erklärt mir, dass diese skulpturale Heldentat einer der Gründe dafür war, dass man die Freiheitsstatue während der Stalin Zeit abreißen wollte, weil der Bär als Symbol für den Russen ausgelegt wurde.
 
In Kipsala am Rande der Stadt ist das Memorial für den lettischen Waldarbeiter Zanis Lipka, der 56 Juden während des 2. Weltkrieges hier versteckte und rettete, während 75.000 jüdische Bürger in Riga und den benachbarten Wäldern von Letten und Deutschen gemeinsam ermordet wurden.
 
Weiter geht es zur Nationalbibliothek am linken Ufer der Daugava: sie ist das überwältigende Neubauprojekt der letzten Jahre. Wie eine gigantische Installation aus Glas und Aluminium wirkt das als multifunktionelles Kultur- und Bildungszentrum 2014 eröffnete „Lichtschloss“. Die Umsiedlung der Bücher vom Jugendstilviertel durch die mittelalterliche Altstadt in den modernen Glaspalast bewerkstelligten mehr als 2.000 Menschen, die bei minus 14 Grad auf einer Strecke von über 2.000 Metern die Bücher von Hand zu Hand reichten. Die Bücherkette sollte an den Baltischen Weg 1989 erinnern, an die 600 km lange Menschenkette, die damals für Freiheit und Unabhängigkeit demonstrierte.
 
In kaum einer europäischen Stadt ist die Vergangenheit und Gegenwart architektonisch so präsent, so gut erhalten wie in Riga heute. Und nirgends ist die dramatische wechselseitige Geschichte eines Landes so prägend sichtbar wie hier.
 
 
Die Presse am Sonntag, 23.11.2014
 
 
„Mein Cluj“
Als ich mit 22 Jahren aus politischen Gründen von der Universität meiner Geburtsstadt Timisoara ausgeschlossen wurde, ist es mir gelungen im entfernten Cluj – zu deutsch Klausenburg, ungarisch Kolozsvár – unterzuschlupfen. Ich war glücklich und zutiefst zufrieden, in dieser berühmten Universitätsstadt Student an der alten, hochanerkannten Babes-Universität zu sein.
 
Cluj war die einzige europäische Stadt, die neben der eigenen Nationaloper ein Opernhaus für die - ungarische - Minderheit führte. Beide Opernhäuser unterhielten ein eigenes Ensemble, das in täglichen Vorstellungen ihr Repertoire in der rumänischen Landessprache und in der Minderheitensprache spielte.
 
Mein Dasein in dem von der noch jüngsten Geschichte dramatisch geprägten Cluj dauerte jedoch nur drei Monate, bis mein Kaderdossier der Partei auch die zweitgrößte Stadt Rumäniens erreichte. Dann blieb mir wirklich nur noch die Tätigkeit als Tennistrainer zum Überleben in Rumanien übrig. Umso größer war nun meine Freude und Begeisterung für die Stadt am Fuße des Feleac-Hügels, wo ich für ServusTV einen Kulturbeitrag gestalten durfte.
 
Die zwei Opernhäuser, wovon das rumänische noch immer mit seinem prachtvollen Jugendstilgebäude nach den Plänen des Wiener Architektenbüros Fellner & Helmer beeindruckt, spielen noch immer: wenngleich die Aufführungen heute in Originalsprache gegeben werden. Ein Drittel der knapp 90.000 Studenten, die an der inzwischen europaweit renommierte Babes Bolyai Universität studieren, kommen aus dem Ausland. Mit ihrem hochanerkannten Rektor durfte ich ein Fernsehinterview in der prachtvollen Aula Magna führen - wie auch mit den beiden Operndirektoren auf der Bühne ihrer Häuser.
 
Cluj überrascht mit einer Vielfalt an Kirchen; Religionen existieren nebeneinander, u.a. rumänisch-orthodox, reformiert, griechisch-katholisch, römisch-katholisch, Baptisten, unitarisch und jüdisch.
 
Auch die alte jüdische Synagoge ist prachtvoll wieder hergerichtet, nur die einstigen Gläubigen und ihre Nachfahren gibt es nicht mehr. Denn während der Zeit, als Nordsiebenbürgen mit Cluj durch das Wiener Diktat von 1940 an Ungarn abgetreten werdenmusste und mit der deutschen Besetzung Ungarns direkt unter ungarische Verwaltung geriet, wurde die jüdische Bevölkerung Clujs nahezu ausgerottet.
 
Die einstigen tiefen Spannungen zwischen den rumänischen und den ungarischen Bewohnern haben sich in der Zwischenzeit gelegt. Das Denkmal von Matthias Corvinus– Symbol der Ungarn - und des rumänischen Nationalhelden Mihai Viteazul strahlen mächtig nebeneinander. Die zwei Opernhäuser kollaborieren freundschaftlich und die Einwohner unterhalten sich auf den weitläufigen Plätzen und Boulevards in ihrer Muttersprache. Nur die Synagoge ist nahezu ohne Besucher geblieben und die deutsche Bevölkerung verließ das Land sobald dies möglich war.
 
Napoca hieß die Stadt in alter römischer Zeit, welche auch im heutigen Stadtbild noch sichtbar ist. Heute heißt sie Cluj Napoca und man sollte nicht versäumen, diese Stadt, die im Glanz der vergangenen Habsburger Monarchie - ergänzt durch ihre neuere Geschichte - erstrahlt, zu entdecken. Wenigstens einstmals auf der Mattscheibe zuhause!
 
 
Kulturzeitung 80, November 2014
 

Ioan Holender im Interview


DIE KRAFT DES SINGULÄREN EREIGNISSES

 

 

Der ehemalige Staatsoperndirektor spricht mit der Kulturzeitung 80 über Intendanten, die wichtiger sind als ihre Festivals; eine Überdichte an Kulturangeboten vor allem in den Sommermonaten, wer dieses wirklich zahlt und warum es keinem Auftrag bedarf, um Dinge umzusetzen.

 

 

Wenn man dem Kulturprotagonisten Ioan Holender gegenübersitzt, dann ist von seinem stolzen 80-Jahres-Jubiläum 2015 kaum etwas zu spüren. Der ehemalige und längst amtierende Direktor der Wiener Staatsoper ist nach wie vor voller Tatendrang und wartet gefasst auf die Interviewfragen zur Lage der Kulturnation Österreich. Er bemerkt gleich vorab, dass er den Medien gegenüber immer schon zurückhaltend war, Kulturberichterstattung sehe er kritisch. Im Gespräch ist von dieser Zurückhaltung wenig zu spüren, denn seine Meinung vertritt er unverblümt.

 

 

Wie würden Sie als Protagonist der Kulturszene die Lage der Kulturnation Österreich bestimmen?

Wir gehören zu einer der vielen Kulturnationen der Welt bzw. Europas. Bezeichnungen wie DIE Kulturnation oder DIE Musikhauptstadt sind Sebstdeklarationen. In Österreich ist in Bezug auf seine Größe aber von einer besonderen kulturellen Dichte zu sprechen. Vor allem im Sommer, da ist es übermäßig dicht: Festspiele gibt es überall dort, wo ein Wässerchen fließt und Bäume wachsen und alle wollen sie monetäre Unterstützung.

 

 

Wie stehen Sie zur aktuellen Förderpolitik? Welche Strategie brachte Ihnen den Ruf „Sparmeister“ ein?

Jeder der ein Kulturprodukt herstellt, braucht dazu Geld und dieses Geld – das darf man nicht vergessen – kommt von den Steuerzahlern. Sponsoren... – lassen wir diese kapitalistische Erfindung. Die Kunsteinrichtungen in Österreich leben größtenteils von Subventionen, die der Steuerzahler zahlt. Wenn zu viel produziert wird, wird es keine Abnehmer geben. Dann wird es sinnlos Geld in etwas zu investieren, das niemand konsumiert. Deswegen gibt es auch hier Grenzen, denn es gibt unverhältnismäßig viel von allem, das produziert und unterstützt werden will. Es ist nicht der Politiker, der unterstützt, nicht der Staat, es sind die Steuerzahler. Es muss also wohl überlegt sein, wofür wir dieses Geld ausgeben. Ich bin nicht dafür jede Initiative mit Fremdgeldern zu fördern. Das klingt sehr hart, nicht „in“, aber man muss dreimal überlegen, wofür das Geld ausgegeben wird. Zu meinem Ruf als Sparmeister: Ich habe nie gespart, ich war nur nie bereit Geld auszugeben für Dinge, die ich moralisch nicht verantworten konnte.

 

 

Was könnten Sie zum Beispiel nicht verantworten?

Nehmen wir ein Festival aus der Steiermark als Beispiel: Die Styriarte hat eine überlokale Bedeutung erlangt über nur eine Person, den Dirigenten Nikolaus Harnoncourt. Er wird das aber auch nicht ewig machen. Wenn sich die Styriarte nur durch die Einwirkung eines Künstlers diesen Ruf erworben hat und daraus seine Daseinsberechtigung bezieht, dann ist die Politik des Festivals in Frage zu stellen, dann war sie falsch. Was macht man dort, wenn er nicht mehr dirigiert? Schließt man es? Das ist beispielhaft für die österreichische Kunstszene. Der Interpret wird wichtiger als das Werk. Das ist sehr gefährlich. Und bei der Styriarte habe ich Dinge erlebt, die unverhältnismäßig waren, wie, zum Beispiel, eine Carmen-Produktion in der Helmut-List-Halle, die dann schnell wieder von der Bildfläche verschwunden ist.

 

 

In welcher Form können sich Festivals wie die Styiarte auszeichnen?

Festspiele haben den Anspruch auf Singularität, während man in der Oper 20 Jahre lang den gleichen Titel spielen kann. Der Gedanke der Kooperationen ist „in“, aber der Anspruch sollte in Richtung Eigenproduktion gehen. Künstlerische Arbeit ist eine kreative Arbeit und eine eigenständige Inszenierung, die nicht überall herumgeschickt werden soll. Man sollte ja auch nicht Werke des steirischen herbstes an vier anderen Orten sehen. Es ist aber so wie in der Wirtschaft: Immer weniger gehört immer mehr. Immer weniger wird produziert und ökonomisch verteilt. Das ist schlecht.

 

 

Welche Rolle spielt das Fernsehen für die mediale Präsenz?

In öffentlichen Leben Rumäniens bin ich sehr präsent, weil es ja einen eigenen Kulturkanal gibt, in dem ich öfters auftrete. Auch in Russland spielt das Fernsehen als Kulturmedium eine wesentliche Rolle. Im Hauptabendprogramm wird aktuell ein Opernwettbewerb von Sängern ausgetragen. Der ORF hat vielleicht auch einen Bildungsauftrag, aber der wird nicht eingehalten. Als ich noch die Oper geleitet habe, habe ich mich furchtbar aufgeregt. Am Ende von Zeit im Bild sollte immer ein kurzer Kulturbeitrag kommen, aber der blieb oft aus. Und es gab Opernübertragungen zu Zeiten, wo kein normaler Mensch zuschaut. Und ich sagte, ich will das nicht, lassen wir das. Ich kann zwar nicht über die Sendezeit bestimmen, aber meine Ware lass’ ich nicht in Zeitungspapier einpacken und irgendwo in das hintere Eck der Vitrine stellen. Die schlechte Quote fällt mir auf den Kopf. Bei ServusTV gibt es diese Form der Aufträge nicht, da investiert man wirklich. Wenn sie anfangen nur für Einschaltquoten zu arbeiten, wird es nur schlecht. Wenn es gut ist, spricht es sich schon herum.

 

ÖMZ, Österreichische Musikzeitschrift 05/2014

 

„Zusammengewachsen – 25 Jahre nach der Wende widmen“

 Den Studenten aus Rumänien, Bulgarien oder Polen heute verständlich zu machen, dass sie in einer unendlich besseren und vorteilhafteren Lebensausgangslage sind als jene vor dem Ender der Achtzigerjahre bzw. vor dem Fall des „Eisernen Vorhanges“, ist nicht leicht. Denn Menschen, die in einer freien Welt aufgewachsen sind können nicht nachvollziehen, dass sie nicht aus ihrem Geburtsland ausreisen durften, dass ein Studium oder ein Arbeitsplatz außerhalb des Staates, dessen Bürger sie sind, undenkbar gewesen ist.
Derzeit findet sich in nahezu allen bedeutenden und weniger bedeutenden Orchestern der westlichen Welt kaum eines, in das nicht auch Musiker aus den früheren kommunistischen – oder was man eben dafür hielt – Staaten gekommen sind. Und ohne Gesangskünstler aus dem „Osten“ – wie vor allem Wiener diese nennen – gibt es kaum noch einen Chor oder Solisten in einem hiesigen Ensemble. So gesehen war die vor rund 25 Jahren eingetretene Wende für die musikalische Welt gedeihlich und vorteilhaft.
Weniger gut hingegen ist die Tatsache, dass wo immer man in der kapitalistisch regierten Welt ein billiges Orchester braucht, dieses aus den früheren sozialistischen Staaten holt, weil diese unendlich billiger zu haben sind. Tourneen von verkaufsträchtigen Solisten werden meistens von billig eingekauften Orchestern aus den östlichen Umgebungen begleitet und manche „Festspiel“ genannten Veranstaltungen, wie in Österreich z.B. Margarethen oder Erl wären ohne diese Orchestermusiker gar nicht möglich.
Durch den Arbeitsfluss Richtung Westen, wo auch immer dies sei, werden die heimischen Musikinstitutionen – ob Opernhäuser oder Konzerthäuser – geschwächt und immer weniger bespielt. Denn kaum kommt ein Angebot von außerhalb wird dieses begeistert angenommen. Denn schon die Summierung der Tagesdiäten in Euro bringt viel mehr als das Monatsgehalt zu hause. Während bis zur Wende vor 25 Jahren große Orchester aus Warschau, Prag oder Budapest mit staatlicher Unterstützung im Westen gastierten und allesamt ein hohes Niveau hatten, besaßen die Opernhäuser von Sofia, Bukarest oder Budapest, was die Solisten und den Chor betrifft, auch international erste Qualität. Heute sind diese leider bedeutungslos geworden, denn wer auch immer im Westen eine Stellung bekommen kann geht weg.
Es ist schön und gut, dass die Menschen heute in ganz Europa sich mehr oder weniger frei bewegen können. Aber es ist weniger schön, dass auch heute, ein viertel Jahrhundert nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, der soziale Abgrund so groß ist und die Folgen vom gewesenen Unrecht noch immer prägend sind.

 

Profil, September 2014

 

Salzburg sollte die Gelegenheit nutzen

Warum, weshalb und weswegen Franz Welser-Möst die Wiener Staatsoper verlassen hat soll jetzt nicht weiter durchgekaut werden, da dies das Haus am Ring nicht weiter bringen wird.
Aber die Salzburger Festspiele könnten davon Nutzen haben, wenn sie jetzt schnell agieren und neben den im Salzburger Musik- und Musiktheaterleben unkundigen Direktoriumsmitgliedern Helga Rabl-Stadler und Sven-Eric Bechtolf den versierten Kapellmeister und Opernchef Franz Welser-Möst dazu nehmen. Das wäre bei den gegebenen Umständen eigentlich ein Gebot der Stunde und die Politik in Wien und Salzburg ist dabei gefordert, rasch zum Wohle des der Welt immer wieder als die wichtigsten Festspiele deklarierten Spektakels einzugreifen.
 
Kurier, 16.07.2014
 
 
Vorgestern vor zehn Jahren starb Carlos Kleiber, heute vor 25 Jahren starb Herbert von Karajan.
Während bei Kleibers Abgang von dieser Welt die Medien an jenem 13. Juli 2004 unsicher herumfragten, ob denn ich vielleicht wüsste, ob der verstorbene Karl Kleiber bei Ljubljana vielleicht der bekannte Dirigent Carlos Kleiber sein könnte, stand bei Karajans Abgang die mediale Klassik-Welt und nicht nur diese an allererster Stelle.
Und dies hat sich bis heute nicht geändert.
Carlos Kleiber, der stets einsame, solitäre Kämpfer für das Absolute in der musikalischen Wiedergabe war jener, der dem Unerreichbaren am nächsten kam. Keiner vor ihm und nach ihm konnte uns Menschen von Menschen komponiertes so unmittelbar, so tief empfunden, so aufwühlend und berührend wiedergeben. Carlos Kleiber wollte in seiner Laufbahn nie eine Position, er gab Zeit seines Lebens nie ein Interview und sprach überhaupt wenig und mit Wenigen. Am häufigsten nur schriftlich per Postkarte. Dass ich in den letzten Jahren seines Daseins zu diesen wenigen gehörte, ist für mich eine hohe Gnade. Carlos Kleibers Lebenskampf für die Wahrheit in der Kunst und allem, was dies möglich macht, ohne Rücksicht auf alle und alles, welche dies verhindern, war sein Lebensinhalt.
Nicht nur mein Leben wäre ärmer, hätte es Carlos Kleiber nicht gegeben.  

 

Salzburger Nachrichten, 02.05.2014

 

Ioan Holender gebietet Einhalt

 

Die Salzburger Festspiele wollen einen „Millionenbetrag“ an zusätzlicher Subvention von den staatlichen Geldgebern. Der einstige Direktor der Wiener Staatsoper erwidert energisch.

 

Hedwig Kainberger Das jüngste Ersuchen der Präsidentin der Salzburger Festspiele hält Ioan Holender für „unmäßig“. Helga Rabl-Stadler hat die Geldnot ausführlich argumentiert: So seien steigende Preis- und Gehaltsniveaus mit Subventionen in der gleichen Höhe wie 1998 nicht zu finanzieren.

Daher drängt sie für 2015 auf Erhöhung der Zuwendungen um einen „Millionenbetrag“. Ioan Holender, früher Direktor der Wiener Staatsoper, ermahnt hingegen zu „Verzichtbereitschaft für das Unwesentliche“. Was meint er damit?

Halten Sie diese Forderung für richtig? Holender: Ich hielte es für richtig, wenn in allen Kulturinstitutionen – auch in Salzburg – die obligatorischen Bezugserhöhungen über Subventionen ausgeglichen würden. Allerdings sind viele Mitarbeiter auf Bühnen und in Werkstätten der Salzburger Festspiele woanders angestellt und haben nur für den Sommer in Salzburg befristete Zusatzverträge. Die sind frei verhandelbar. Auch Künstlergagen sind an keine Kollektivverträge gebunden.

Daher betrifft die Salzburger Festspiele der unausweichliche Kostenzuwachs für Festangestellte nur in geringem Ausmaß.

Ein „Millionenbetrag“ als Erhöhung wäre zu viel? Ich will mich nicht auf Zahlenspiele einlassen, aber ich fordere Verständnis für die allgemeine Lage im Land. Und ich frage: Wie groß ist die moralische Rechtfertigung von mehr Geld für Opern, Konzerte und Theater im Sommer, wenn Schulklassen vergrößert und Lehrer schlechter bezahlt werden, wenn Ärzte in Spitälern zu viel arbeiten und die Zahl der Polizeistationen reduziert wird?

Aber problematisch ist auch die Inflation. Die Festspielsubvention hat deswegen seit 1998 ein Drittel an Kaufkraft verloren. Aber wenn es stimmt, dass eine Opernproduktion der Salzburger Festspiele eine Million Euro kostet (wie dies Intendant Alexander Pereira im Zuge der Verkäufe nach Mailand erläutert hat, Anm.), dann ist das ungeheuerlich.

Wie viel kostet Ihrer Erfahrung nach eine Opernproduktion? In der Wiener Staatsoper oder anderen großen Häusern liegt das bei 400.000 bis 500.000 Euro. Wenn ein Intendant den Regisseuren und Bühnenbildnern alles gibt, was sie fordern, wird es halt teuer. Diese Kosten sind steuerbar. Außerdem: Nicht alles Neue und Teure ist gut.

Was macht eine Oper gut? Vor allem die Besetzung (Sänger, Anm.) sowie der künstlerische Ertrag der Vorstellung, der nicht unbedingt größer wird, wenn alles immer neu inszeniert wird.

Wenn man nicht Anna Netrebko engagierte, könnte man einen Polizisten retten? Ach was! Zu meiner Zeit betrug die Höchstgage pro Sänger und Auftritt 13.200 Euro, die war viele Jahre unverändert und wurde an der Wiener Staatsoper nie überschritten. Ich weiß nicht, ob das noch hält. Aber ob einer der vier oder fünf Weltstars 14.000 oder 15.000 Euro bekommt, ist nicht entscheidend, weil es künstlerisch enorm viel bringt.

Das heißt: Die Salzburger Festspiele sollten weniger neu produzieren und mehr wiederaufnehmen? Genau. Zudem ist bei neuen Inszenierungen mehr als bisher auf Qualität zu achten. Denken Sie zurück an die „Zauberflöte“ in der Felsenreitschule, die wurde über 100 Mal gespielt, oder den „Figaro“ von Ponnelle, der war von 1972 bis 1988 immer gut verkauft. Ich sehe keinen Grund, warum das heute anders sein sollte. Allerdings: In Salzburg muss man auch Modernes machen. Man muss hier das Ungewohnte wagen, was nicht von vornherein und mit Sicherheit gut verkäuflich ist. Denn das gehört zum Wesentlichen der Salzburger Festspiele. Was gehört noch zum Wesentlichen? Dass sie künstlerisch hochwertig in Darbietung und Leitung sind. Allerdings fordere ich mehr Verzichtbereitschaft für das Unwesentliche. Was meinen Sie damit? Zum Beispiel Spielorte, die nicht den Salzburger Festspielen gehören. Wenn das Geld knapp wird, kann man sich halt ein paar Jahre den Residenzhof nicht leisten. Und wenn die Pernerinsel nicht bespielt wird, geht die Welt auch nicht unter. Ich erkenne kein Unglück für die Salzburger Festspiele, wenn sie sich auf ihre Festspielhäuser konzentrieren. Wenn man sich’s leisten kann, solche besonderen Orte zu bespielen – bitte sehr! Aber heutzutage dafür mehr Geld vom Staat zu fordern, das ist unmäßig.

Aus Sicht der Staatsoper reden Sie sich leicht. Diese hat etwa 55 Prozent Subventionsanteil, die Salzburger Festspiele haben 20 Prozent. Die Ausgangssituation zwischen einem Ganzjahresbetrieb und einem Sommerfestival ist radikal anders. Und was die Salzburger Preise betrifft, ist das auch fraglich. Die sind mit 420 Euro für eine Opernkarte zutiefst asozial.

Sie nennen nur die teuerste Kategorie. Zudem: In der Wiener Staatsoper wird eine Karte mit rund 90 Euro subventioniert, bei den Salzburger Festspielen mit etwas über 50 Euro. Genau Ihr „zutiefst asozial“ spricht doch für mehr Subvention! Mein Aufruf lautet: Schauen wir in diesem Land auf das, was alles nicht finanziert werden kann. Wir sind nicht eine Insel der Kunst, die sich erlauben darf, alles zu fordern. Ich verlange mehr Konzentration auf Qualität und auf das Vorhandene.

Bisher haben Alexander Pereira und Helga Rabl-Stadler die Geldnot mit immer mehr Geld von Sponsoren und Mäzenen wettzumachen versucht. Ich halte das für keine gute Entwicklung. Denn für wen sollen wir den Zugang zu Kunst ermöglichen? Vor allem für jene, die Neugierde und Interesse haben, und nicht für Kunden von Sponsorfirmen.

Seit 2012 ist der Anteil von Sponsoren und Mäzenen höher als jener der staatlichen Subvention. Erachten Sie diesen Privatanteil als zu hoch? Ja – und gefährlich, weil unsicher.Auch dies spricht für mehr Subvention. Damit wäre das Sponsoring zu verringern. Jede Institution soll nur ausgeben, was sie hat. Und für die Festspiele sehe ich da die Misere nicht in dem Maß, wie sie dargestellt wird. Sie sollen Wichtiges und neugierig Machendes bieten, sich aber auf die eigenen Spielstätten konzentrieren. Man soll Kosten pro Neuproduktion drosseln, weniger neu inszenieren und mehr wiederaufnehmen.

Folgte man Ihrem Rat, gäbe es weniger Vorstellungen, weniger Beschäftigte, weniger Besucher. Dann würde der Staat weniger an Steuern und Abgaben einnehmen, als eine zusätzliche Subvention kostet. Diese total kapitalistische Denkweise! Dass wir nur Kunst produzieren, damit andere Geld scheffeln, ist so etwas von gegen den Urgedanken Hugo von Hofmannsthals und Max Reinhardts! Mit diesen Überlegungen, womit wir Geld machen, entfernen wir uns immer mehr von der Kunst. Immer nur Geld, Geld, Geld.

 

Salzburger Nachrichten, 13.01.2014:

Burgtheater: Holender drängt auf rasche Aufklärung

Immer neue Details über etwaige Malversationen im Burgtheater seien "schlecht für alle", warnt Ioan Holender, einstiger Direktor der Staatsoper.

 

Ioan Holender, der einstige Direktor der Wiener Staatsoper, drängt auf rasche und umfassende Aufklärung von etwaigen Malversationen im Burgtheater. Was bisher in Medien kursiere, sei "sehr verwirrend". Und wenn jeden Tag in einem anderen Medium neue angebliche Fakten, Vermutungen oder Gerüchte auftauchten, sei das "schlecht für alle", sagte Ioan Holender auf Anfrage der "Salzburger Nachrichten". Vor allem Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) sei aufgerufen, "dass man den Bürgern möglichst bald Klarheit gibt" über Vorgänge in Österreichs größtem und am höchsten subventionierten Sprechtheater.

Öffentliche Aufklärung sollte es möglichst rasch insbesondere darüber geben, welche Fehler in der Geschäftsführung des Burgtheaters passiert seien, welche Folgen dies habe und wie viel Geld davon betroffen sei, sagte Ioan Holender. Aufklärungsbedürftig seien auch die Gründe der Entlassung von Silvia Stantejsky. Diese war nur bis März 2013 kaufmännische Direktorin, ab dann allerdings nur noch als Vizedirektorin die Stellvertreterin von Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann und somit nicht mehr unmittelbar in der Geschäftsführung.

"Warum ist sie jetzt (im Dezember, Anm.) entlassen worden?" Zum Zeitpunkt der Entlassung sei Silvia Stantejsky ja längst nicht mehr kaufmännische Leiterin gewesen. "Wurde sie für etwas entlassen, was sie gar nicht mehr war? Warum?"

Erachtet er für diese Aufklärung eine mehrwöchige Analyse durch externe Wirtschaftsprüfer als erforderlich? Nach dem, was bisher bekannt geworden sei, gehe er davon aus, "dass die Involvierten wissen, was passiert ist", erwidert Ioan Holender. Und "die Involvierten" müssten nun deutlich, ausführlich und stichhaltig über die Ursachen und Folgen der Entlassung aufklären.

Wer sind "die Involvierten"? Er wolle niemandem in den Rücken fallen und nicht den Richter spielen, versichert Ioan Holender. Aber primär sei dies die Aufgabe der Burgtheater-Direktion, insbesondere also von Direktor Matthias Hartmann. Wenn dieser allerdings sage, sein Anwalt habe ihm geraten, nichts zu sagen, "müssen wir halt warten". Allerdings: Wenn ein Anwalt Derartiges rate, "schaut es eher nach Gericht aus".

Müssten nun publik gewordene Unregelmäßigkeiten oder Schlampereien in der kaufmännischen Geschäftsführung nicht längst einem betriebsinternen Controlling, der Revision, der Bundestheater-Holding als Eigentümerin sowie dem Aufsichtsrat aufgefallen sein? "Als Direktor brauche ich keinen Aufsichtsrat, um zu wissen, wie es läuft", kontert Ioan Holender. "Ich halte nicht viel von diesen außen stehenden Kontrollen. Im eigenen Betrieb müssen die beiden, die das leiten, am besten wissen, was geschieht."

Jedenfalls: Wenn da ein Angestellter dem Theater Geld borge oder vorstrecke, "ist das sehr bizarr". Wäre dies in der Staatsoper unter seiner Direktion möglich gewesen? "Nein. Das schließe ich aus", versichert Ioan Holender. "Dass mein kaufmännischer Leiter, Thomas Platzer, derartige Kontobewegungen gemacht hätte ohne mein Wissen, das schließe ich aus - egal in welcher Größe."

Erstens hätten er und Thomas Platzer "immer volles Vertrauen" zueinander gehabt. Zweites erinnert Ioan Holender daran, dass Burgtheater wie Staatsoper ausgegliederte Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH) seien, und für jeden Geschäftsführer einer GmbH gälten strenge Haftungen - "egal ob das eine Fabrik ist, die ÖBB oder eine Oper oder ein Theater; da gibt es keine Unterschiede". Daher trage jedes Mitglied einer Geschäftsführung Gesamtverantwortung. "Man weiß, was man hat und was man ausgibt. Ich hätte nie mehr ausgegeben als das, was ich hatte."

Was Holender als "sehr bizarr" bezeichnet, basiert auf einer Meldung von "profil". Demnach soll Silvia Stantejsky, die über dreißig Jahre im Burgtheater gearbeitet hat, aus ihrem Privatvermögen dem Staatstheater eine fünfstellige Summe vorgestreckt haben, die dann auf ihr Privatkonto rücküberwiesen worden sei. Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann versicherte am Montag im ORF-"Mittagsjournal", er habe das nicht gewusst und auch nicht unterschrieben. Er verlasse sich auf die Kaufleute in seinem Büro. "Ich hab mit Buchungen nichts zu tun."

 

 

Der Standard, 19.12.2013:

 

Neujahrskonzert: Steuergelder unterstützen Turbokapitalismus

Auf der Online-Ticketbörse „viagogo“ kann man also noch Karten für das ausverkaufte Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker in nahezu allen Preislagen kaufen. Eine Stehplatzkarte, welche im normalen Verkauf 30 Euro kostet, wird um 999 Euro angeboten und ein Sitz im Parterre um 30.000 Euro (mehrere Hundert Prozent Aufschlag). Die Preise werden laut der Online-Ticketbörse „vom Verkäufer bestimmt“.

Das gewinnbringende Geschäft wird aber auf dem Rücken der Wiener Philharmoniker getätigt. Diese treten zwar als Privatverein auf, deren sämtliche Mitglieder sind jedoch vom Steuerzahler erhaltene Mitglieder des Staatsopernorchesters. Als solche werden deren Lebenserhaltungskosten gesichert und als solches beruht das als Folge des Turbokapitalismus entstandene fragwürdige Geschäft auf Steuergeldern.

Das ist der saure Beigeschmack des populären Neujahrskonzerts, welchen man durch Identitätskontrollen der Kartenbesitzer  – so wie es bei den Bayreuther Festspielen gehandhabt wird – verhindern könnte, wenn man wollte. Die Frage ist nur, ob man es auch will.

 

 

 

Die Welt, 24.4.2013:

Lock-Arie des Geldes

Vor knapp zwei Wochen schrieb "Welt"-Redakteur Kai Luehrs-Kaiser an dieser Stelle über sich mehrende Vorwürfe von Intendanten und Dirigenten, die gegenwärtige Generation von Opernsängern und -sängerinnen sei zu schwach. Ein derartige Häufung von Absagen, wie man sie derzeit erlebe, sei früher undenkbar gewesen. "Domingo hätte auf dem Totenbett liegen müssen, bevor er eine Vorstellung abgesagt hätte!", wurde etwa Antonio Pappano zitiert, Chefdirigent des Royal Opera House in London. Nun antwortet einer, der es eigentlich auch wissen muss, Ioan Holender, der erst selbst lange sang und anschließend, von 1991 bis 2010, die Wiener Staatsoper leitete.

Während der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts begannen die wichtigsten Opernhäuser des deutschsprachigen Raumes, bedeutende Hauptrollen immer häufiger mit Gastsängern zu besetzen und ihre eigenen Ensembles entsprechend zu verkleinern.

Die Ursachen der Entscheidungen, welche allmählich zum heute üblichen, allgemeinen "freien Sängerleben" führten, sind zweierlei: einerseits die ebenfalls nur noch gastierenden Regisseure und deren immer wichtiger gewordene Tätigkeit sowie die ebenfalls als Gäste engagierten, sogenannten Stardirigenten – und andererseits die Sänger selbst. Dass diese sich allerdings jetzt öffentlich über den von ihnen selbst hervorgerufenen Zustand beklagen, ist neu und unbegründet.

Das berufliche Leben eines Sängers ist bekanntlich kurz und die notwendige Vorbereitung dafür lang. Statistisch gesehen dauert ein Sängerleben rund zwanzig Jahre. Ab dem vierzigsten Lebensjahr baut die physische Leistung des menschlichen Körpers allmählich ab, um die fünfzig auf jeden Fall – und zwar in sehr hör- und sichtbarer Weise. Die wenigen und bekannten Ausnahmen bestätigen nur diese anatomisch bedingte Tatsache.

Die Anzahl der subventionierten Opernhäuser und der sich jeden Sommer vermehrenden "Festspiel" genannten Veranstaltungen hat stark zugenommen und steigt weiter. Die Spieldauer der traditionellen, etablierten Festspiele wie Verona, Bregenz oder Salzburg hat sich beträchtlich verlängert. Freiluftkonzerte auf großen Plätzen in Städten und in touristischen Orten mit allerlei Starsängern und sogenannten Freunden – hoch bezahlt und viel beworben durch Bankinstitute und Firmen – werden auch immer mehr.

Festengagierte Ensemblemitglieder werden immer schlechter, gastierende Sänger immer besser bezahlt. Jeder Sänger versucht folglich, so schnell wie möglich aus einem Festvertrag wegzukommen und als Freischaffender zu wirken, um keine der sich bietenden Auftrittsmöglichkeiten zu versäumen. An einem organischen, langfristigen, gefestigten Aufbau seiner Existenz und am Erlernen eines für seine Stimme vorteilhaften Repertoires ist weder der Sänger noch dessen Arbeitgeber – sprich der Intendant – interessiert.

Die einen haben es eilig, rasch möglichst viel Geld zu verdienen und berühmt zu werden, die anderen, also die Theaterleiter, wollen stets neue Attraktionen, um ihre Positionen zu festigen beziehungsweise zu Höherem aufzusteigen. Und die Medien benützen beide Seiten, um möglichst mit stets neuen Sensationen ihre Blätter zu füllen.

Äquidistante, sachliche und kundige Musikkritiker gibt es kaum mehr, die meisten – in der Musikstadt Wien mehr als irgendwo anders – lassen sich durch diverse Vorberichte, Interviews, Reiseempfehlungen und sogar Bücherschreiben über die Protagonisten von diesen selbst bezahlen. Wie kann ein Musikkritiker Negatives über ein Opernhaus schreiben, wenn er ein bezahltes Buch über dessen Direktor schreibt?

Die Sänger sind nicht unzuverlässiger als früher, sie haben nur viel mehr Möglichkeiten, sich auszusuchen, wo sie auftreten, und trotz der allgemein langfristiger gewordenen Planung ergeben sich auch öfter kurzfristige Gelegenheiten, rasch sehr viel Geld zu verdienen. So erhalten auch schnell plötzlich ein bisschen bekannt gewordene Sänger und Sängerinnen für Freiluftveranstaltungen zum Beispiel in der Berliner Waldbühne oder dem Linzer Domplatz oder gar auf einer der viele Seebühnen bis zu zehn Mal höhere Honorare als für die Interpretation einer Rolle auf der Bühne eines Opernhauses. Darüber hinaus singen sie bei solchen Gelegenheiten, was sie wollen, also was ihnen leicht fällt und bequem ist.

Proben für Neuinszenierungen sind heutzutage naturgemäß wichtiger und länger geworden. Dadurch, dass meist überall die gleichen Werke gespielt werden, versucht man, diese durch andersartige Visualisierung attraktiv zu machen. Regisseure sind entscheidende Faktoren für die Wahl der Besetzungen geworden, und sie wünschen sich naturgemäß immer die Sänger, die sie kennen. Theaterleiter machen, was die Regisseure von ihnen verlangen, weil diese ihnen am wichtigsten sind – und so entsteht der langweilige Teufelskreis des immer Gleichen, in letzter Zeit auch durch Koproduktionen zur totalen Gleichmachung degradiert.

Dass dabei manche keine Probenvergütung zahlen, dafür aber entsprechend höhere Abendgagen, ist auch nicht gut und richtig, aber in Anbetracht all der Möglichkeiten und Vorteile, welche Sänger heute weltweit haben, ist dies bei Weitem nicht so arg wie die Gesamtentwicklung des ganzen Systems, verursacht von beiden Seiten.

Die Presse, 5.1.2013:

Die Verachtung sollte Zudecker, nicht Aufdecker treffen

Replik auf Harald Walser. Aggression über die verschwiegene NS-Vergangenheit der Philharmoniker sollte sich gegen die Richtigen richten.


Zum wiederholten Mal wird derzeit nicht nur in den österreichischen Medien über die bei Weitem nicht gebührend bewältigte beziehungsweise bekannt gemachte Tätigkeit der Wiener Philharmoniker während und nach der NS-Herrschaft diskutiert.

 

Dass die feierliche Übergabe des Philharmoniker-Ringes an den Kriegsverbrecher Baldur von Schirach im Jahr 1967(!) erst jetzt allgemein bekannt wurde, obwohl der Verantwortliche des Historischen Archivs der Philharmoniker (Clemens Hellsberg, Anm.) –gleichzeitig auch Vorstand des Orchesters – dieses genauso wie manch anderes Relevante in dem 1993 erschienenen Buch „Die Demokratie der Könige“ nicht vermerkt hat, ist doch berichtenswert.

Zudem behauptet er bis heute, es sei alles gesagt und nichts mehr zu forschen.

Wobei dies für jedermann schwierig bis unmöglich ist, weil der Zugang zu besagtem Archiv erschwert oder gar verwehrt wird, was auch medial seit Langem bekannt ist und immer wieder kritisiert wird.

Unbegründet aggressives Verhalten gegenüber Personen, die mehr Licht in die Vergangenheit bringen wollen – sei es seitens der Informationsintendantin unseres öffentlichen Fernsehsenders, sei es von Journalisten –, sollte sich, wenn überhaupt in dieser Form, gegen den Zudecker und nicht gegen den Aufdecker richten, von wo auch immer dieser kommt.

Die Israelitische Kultusgemeinde wäre gut beraten gewesen zu überlegen, wofür sie eine an Friedrich Torberg erinnernde Medaille vergibt, selbst wenn dies zu den dortigen Wahlzeiten geschehen ist.

Obstruktion und Intransparenz verursachen immer Verdacht – und möglicherweise auch Unterstellungen. Diesem die Mitglieder des besten Opernorchesters der Welt und des Philharmonischen Vereins auszusetzen schadet unberechtigterweise nicht nur diesen, sondern auch unserem Land, das zu Recht stolz auf die Qualität dieses Klangkörpers ist.

Auch wenn ich mich bei vielen damit unbeliebt mache, meine ich, dass wir noch mehr Grund für das Stolz-Sein hätten, würde man den unseligen kriegerischen Radetzky-Marsch, der noch heute für sehr viele Menschen mit tragischen Erinnerungen an die kriegslustigen Habsburgerzeiten verbunden ist und dessen musikalischer Wert bekanntlich gering ist, endlich aus Programm des Neujahrskonzerts eliminieren.

Doch damit übt sich wohl der Vorstand im gewohnten Bewahren von genauso fragwürdigen wie beliebten Traditionen.

 

Kurier, 4. Juli 2012:

Teuer und unnütz ist nur die Evaluierung

Rund 550.000 Euro wurden bezahlt, damit man erfährt, was alle Involvierten immer schon wussten. Durch die Geheimniskrämerei über die von einer Wirtschaftskanzlei gestaltete Durchleuchtung in den drei Bundestheatern haben die involvierten Personen nichts Neues erfahren. Die nicht involvierte und naturgemäß unwissende Öffentlichkeit hingegen wurde nicht zuletzt durch die populistischen Kommentare der Boulevardzeitungen gegen Burg und Oper aufgehetzt. Stupid Die Zeiten von "Wollen Sie wirklich Peymann, Bernhard, Scholten" scheinen sich zu wiederholen. Durch stupide, unnötige und nichtssagende arithmetisch-buchhalterische Rechnungen von Durchschnittsbezahlungen - wobei jeder Volksschüler weiß, dass extrem hohe Werte die Durchschnittssumme subjektiv beeinflussen - entstehen als Folge reißerische Zeitungstitel: Dass ein Gastdirigent in der Oper 50 Euro pro Minute erhält und jeder "singende Gast" 10.000 Euro. Sowohl die drei Direktionen in der evaluierten Zeit 2006-2009 als auch die Holding wussten selbstverständlich, was, wie und wem bezahlt wird. Nichts Neues haben wir erfahren. Dem Burgtheater ist es dankenswerterweise gelungen, viel Geld zu sparen: durch höhere Festbezüge für die technischen Mitarbeiter, welche eine strukturell und künstlerisch höhere Effizienz erreichende Arbeit ermöglichen. Die gehaltsmäßigen Vergleiche zwischen Ensemblemitgliedern eines Sprechtheaters und eines Musiktheaters sind irrelevant, nichtssagend und irreführend. Schon die Kosten pro Auftritt zwischen der Volksoper und der Staatsoper zu vergleichen, führt zu lächerlichen Ergebnissen ohne jede Berücksichtigung der künstlerischen Zielsetzung. Dass ein Gastsolist in der Staatsoper sich mit 9840 Euro pro Vorstellung zu Buche schlage und ein Ensemblemitglied mit 1755 Euro, ist arithmetisch vielleicht richtig, sachlich total falsch - nicht nur, weil Probenzeiten und Coververpflichtungen naturgemäß unbeachtet bleiben. So kostet in der Volksoper laut Evaluierung ein Auftritt eines Ensemblesängers um über 200 Euro mehr (1755 zu 1998,60 Euro) als in der Staatsoper. Jedoch bestreitet die Volksoper ihren Spielplan vornehmlich durch das Ensemble. Folglich ein vollkommen irreführender Vergleich. Die Schlussfolgerung, dass das Augenmerk auf die Steigerung der Erlöse gelegt werden soll, da die Einnahmen pro Karte geringer seien als die "theoretisch erzielbaren", zeigt uns, dass die Evaluierung das Grundprinzip, auf welchem der Erhalt und die Funktionalität eines Theaters oder eines Opernhauses ruht, nicht berücksichtigt oder sich nicht für dieses interessiert. Der Steuerzahler erhält durch die Subvention die Bundestheater. Diesen noch einmal zu schröpfen, indem man die Kartenpreise, die der Steuerzahler auch zu zahlen hat, maximiert, beweist eine Verachtung dessen, für den man das Gebotene möglichst zugänglich macht und dem man versucht, durch höchste Effizienz künstlerische Qualität zu bieten. Das Fragwürdige, Unnötige, Entbehrliche und nur Neid und Verwirrung Stiftende der Evaluierung entstand nur durch diese selbst. Sie schadet jedem und nützt niemandem.

Salzburger Nachrichten, 2. Juli 2012:

Mit 550.000 Euro sei etwas bezahlt worden, „was alle Involvierten immer schon wussten“. Und durch die „Geheimniskrämerei“ sei nur „die naturgemäß unwissende Öffentlichkeit“ gegen „Burg und Oper aufgehetzt worden“. Derart scharf kritisiert der ehemalige Staatsoperndirektor Ioan Holender die über die SN publik gewordenen (bis dahin geheim gehaltenen) Ergebnisse der Evaluierung der Bundestheater. Dafür hatte die Beraterfirma Ernst & Young im Auftrag von Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) die Bundestheater von Mitte 2006 bis Mitte 2009 durchleuchtet; damals war Ioan Holender noch Direktor der Wiener Staatsoper. Zu den Bundestheatern gehören Holding, Staatsoper, Burgtheater, Volksoper und die Werkstättenfirma „Art for Art“.

„Durch stupide, unnötige und nichtssagende arithmetisch-buchhalterische Rechnungen von Durchschnittsbezahlungen“ entstünden nur reißerische Zeitungstitel, etwa dass ein Gastdirigent in der Oper 50 Euro pro Minute erhalte, stellt Ioan Holender in einem Schreiben an die SN fest. Ebenso „irrelevant und irreführend“ seien die gehaltsmäßigen Vergleiche zwischen Ensemblemitgliedern eines Sprechtheaters und eines Musiktheaters. „Schon die Kosten pro Auftritt zwischen der Volksoper und der Staatsoper zu vergleichen, führt zu lächerlichen Ergebnissen ohne jede Berücksichtigung der künstlerischen Zielsetzung.“

Dass in der Wiener Staatsoper ein Gastsolist mit 9840 Euro pro Vorstellung zu Buche schlage und ein Ensemblemitglied mit 1755 Euro, sei „arithmetisch vielleicht richtig, doch sachlich total falsch“. Denn in diesem Vergleich blieben Probenzeiten und Coververpflichtungen von Ensemblemitgliedern unbeachtet.

Die Schlussfolgerung im Evaluierungsbericht, dass das Augenmerk auf die Steigerung der Erlöse gelegt werden solle, da die Einnahmen pro Karte geringer seien als die „theoretisch erzielbaren“, zeige, dass die Evaluierung ein Grundprinzip missachte, kritisiert Ioan Holender. Auf diesem Grundprinzip beruhten Erhalt und Funktionalität eines Theaters oder eines Opernhauses. Neid und Verwirrung stiftend „Der Steuerzahler erhält durch die gewährte Subvention die drei Bundestheater. Diesen noch einmal maximal zu schröpfen, indem man die Kartenpreise, die der Steuerzahler auch mitzufinanzieren hat, kommerziell maximiert, beweist eine Verachtung dessen, für den man das Gebotene möglichst zugänglich macht, und versucht durch höchste Effizienz künstlerische Qualität zu bieten.“

Holender resümiert: „Das Fragwürdige, Unnötige, Entbehrliche und nur Neid und Verwirrung Stiftende der über eine halbe Million Euro teuren Evaluierung entstand nur durch diese selbst. Sie schadet jedem und nützt niemandem.“

 

Kurier, 29. Dezember 2011

Keiner liebte die Oper mehr als Prawy
Als ich 1959 vierundzwanzigjährig nach Wien gelangte, ermöglichte mir die Flüchtlingsorganisation American Rescue Committee (A.R.C.) den Kontakt zu Ernst Haeusserman und Marcel Prawy . Prawy war damals schon an der Volksoper tätig, und durch ihn gelangte ich zum Volksoperndirektor Franz Salmhofer, welcher mir die Regieassistenz bei "Gianni Schicchi" in der Inszenierung seines Vizedirektors Otto Fritz ermöglichte. Musical Prawy versuchte das in Wien vollkommen unbekannte Genre Musical im Spielplan zu integrieren, was ihm trotz heftigstem und aggressivem Widerstand seitens der Belegschaft und vor allem des Betriebsrates schlussendlich auch gelang. "Kiss me, Kate", von Prawy übersetzt als "Küss mich, Kätchen", mit Fred Liewehr als Petruchio war ein echter Erfolg, und viele andere, auch weniger erfolgreiche Musicals folgten. Seine Gestaltung der Programmhefte, bis dahin in dieser Form genauso unbekannt wie Einführungsvorträge, veranlasste den 1970 designierten Staatsoperndirektor Rudolf Gamsjäger, Prawy das Angebot zu machen, an die Staatsoper zu wechseln. Ich erinnere mich gut an mein Gespräch mit Marcello im Volksoperncafé gegenüber dem Bühneneingang und seine Frage: "Holenderchen, du bist ja so gut mit dem Gamsjäger, glaubst du, dass er ein Antisemit war, er war doch bei der Luftwaffe?" Ich antwortete Prawy , dass dies doch vollkommen irrelevant sei - ich wusste es auch wirklich nicht. Einzig relevant sei doch, dass er jetzt die Chance habe, endlich an die von ihm geliebte Staatsoper zu gelangen. Doch lange dauerte sein Glück dort nicht. Prawy schlug Gamsjäger den großen Erfolg der Staatsoper vor dem Krieg, Meyerbeers "Prophet", mit Christa Ludwig als Fides vor. Doch der Tenor dazu wurde leider nicht gefunden und aus dem "Prophet" wurde "Luisa Miller" mit der Ludwig in einer Nebenrolle. Das Verhältnis zwischen dem Staatsoperndirektor Gamsjäger und dem nun auch offiziell Dramaturg genannten Marcel Prawy verschlechterte sich dadurch drastisch. Schlussendlich konnte Prawy außerdem seinen Freund und Mentor Leonard Bernstein nicht dazu bewegen, an das Pult des Hauses zurückzukehren. Prawy wurde wegen überhöhter und im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit beim Österreichischen Fernsehen als "Opernführer" zu häufiger privater Telefonnutzung gekündigt. Eine gemeinsame Bekannte von Bruno Kreisky und Prawy bewirkte bei Kreisky über den Kulturminister Sinowatz die Rücknahme der Kündigung. Doch Prawy landete auf Wunsch Gamsjägers in einem Büro im Hanuschhof und durfte nicht mehr in der Direktionsloge weilen. Gamsjägers Nachfolger Egon Seefehlner holte ihn dann zurück ins Haus. Auch wenn das Publikum bei seinen Matineen einen ziemlich hohen Altersdurchschnitt hatte, waren die Jahre mit Seefehlner als Staatsoperndirektor doch seine glücklichsten. "Möge der Waldheim nur noch lange Bundespräsident bleiben, denn er kommt wegen seinem schlechten Gewissen immer zu meinen Vorträgen", war eines seiner Bonmots. Prawy , der nie regelmäßig aß, die ganze Nacht jederzeit telefonisch erreichbar war, denn er schlief immer wieder "nur dazwischen", wie er sagte, hatte gar kein Verständnis für "Essengehen", Schlafen oder gar Sportmachen. Eigentlich hat er am liebsten und immer Kastanienpüree gegessen - wie oft ging ich mit ihm in den verbogensten Konditoreien und Gasthäusern und zu den unmöglichsten Uhrzeiten Kastanienpüree essen. Immer ohne Schlagsahne! Und jedes Mal ging ich nachher reicher, wissender und irgendwie immer froher weg. Tennis Unzählige Male sagte er mir, er könne nicht verstehen, dass ich mit Tennisspielen und Skifahren meine kostbare Zeit vergeude. Als ich Staatsoperndirektor wurde, schrieb er mir zur Gratulation "und jetzt musst du auch nicht mehr mit Wichtigen Tennis spielen"... Er war das letzte Ehrenmitglied, das im Haus aufgebahrt wurde, und ich durfte die Trauerrede halten. Ich kannte keinen, der dieses merkwürdige Etwas, das wir Oper nennen, mehr liebte als er.
 

 

Kurier, 8. Juni 2011

Die Osterfestspiele und die Globalisierung

Werden in der nahen Zukunft Operninszenierungen an den großen Bühnen einander so ähnlich sehen wie die Automobilmarken? Ein Gastkommentar von Ioan Holender.

Wenn die Dresdner Staatskapelle und ihr Musikchef Christian Thielemann den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle ab 2013 bei den Salzburger Osterfestspielen folgen, das heißt, diese nach ihrem Abgang nach Baden-Baden ersetzen, ist dies kein gutes Zeichen für unsere Opernlandschaft.

Ganz im Gegenteil zum Gebot, stets Neues zu schaffen, noch nicht beschrittene Wege zu gehen, neugierig zu sein und neugierig zu machen, bedeutet dies eine neuerliche Gleichstellung, Uniformierung, Nivellierung, kurz eine auf künstlerischer Ebene nachteilige Globalisierung.
Die Osterfestspiele dürften zu einer zweiten Spielstätte für die Dresdner Semperoper werden und selbstverständlich mit dieser, also de facto mit sich selbst, koproduzieren.
Die Dresdner Inszenierungen dürften folglich auch in Salzburg zu sehen sein und vielleicht auch noch anderswo. Werke der Opernliteratur, welche in Wien und München gespielt werden, werden nun wohl auch dazwischen, sozusagen auf halbem Wege, in Salzburg zu Ostern zu hören sein.

Schon 2013 soll in Salzburg ein neuer "Parsifal" kommen. Und "Carmen", 2012 die letzte Salzburger Premiere der Berliner, steht auch in Wien und in München auf dem Spielplan. Wenn auch nicht - und dies aus gutem Grund - mit derselben Sängerin in der Titelrolle, jedoch mit dem gleichen Partner.

Die paar Hundert Förderer, die noch aus Karajans Zeiten übrig geblieben sind, Bankdirektoren und finanzstarke Wirtschaftstreibende vornehmlich aus Deutschland, wollen einen "Namen". Jener, für welchen sie gerne bereit waren, eine Sonderzahlung, eben den Förderbeitrag zu leisten, ist lange tot. Nun haben sie auch einen "Sir" als seinen Nach-Nachfolger verloren, jetzt wollen sie wenigstens Thielemann, zweifellos ein meisterhafter Dirigent. Wenn schon nicht mehr in München, dann gelegentlich in Salzburg.

Weltreisen

An musikdramaturgische Überlegungen denkt niemand. An Musikwerke, die aus dem Ostergedanken inspiriert und entstanden sind, natürlich auch nicht. In Leipzig werden von Konwitschny Bachpassionen und Kantaten szenisch realisiert, in Salzburg spielt man zu Ostern "Carmen". Und "Arabella", wenn es nach Thielemann geht.
Der neue Wiener "Rigoletto" aus dem Theater an der Wien geht an die MET und an die Scala, die New Yorker "Tosca" kann man jetzt auch in München und Mailand sehen. Dass diese "Weltreiseproduktionen" m eist auch medioker sind, ist Pech, doch prinzipiell nur sekundär.

Werden in der nahen Zukunft Operninszenierungen an den großen Bühnen einander so ähnlich sehen wie die Automobilmarken? Und werden die Salzburg Osterfestspiele dann auch eine dieser werden?

Der ehemalige Staatsoperndirektor erhielt soeben den hohen japanischen "Orden der aufgehenden Sonne".

 

 

Bühne April 2011

Freunde erkennt man in der Not

Ioan Holender. Der ehemalige Staatsoperndirektor ist Artistic Adviser des Spring Festivals in Tokio.

Seit Jahrzehnten ist das Japanische Kaiserreich der größte Importeur österreichischer klassischer Musik. Kein anderes Land in der Welt hat für Japan, was die Musik betrifft, einen ähnlich hohen Stellenwert. Als Folge dessen treten aus keinem anderen Land, sei es Europa oder Übersee, mehr Musiker in Japan auf als aus Österreich. Andererseits wird, was logisch daraus folgt, auch kein anderes Land der Welt von japanischen Musikfreunden zahlreicher besucht als Österreich.

Die finanziellen Bedingungen samt Nebenbedingungen für Japan-Gastspiele waren allesamt höher und besser als irgendwo anders. Angefangen von der Staatsoper über den Wiener Philharmonikern, den Wiener Sängerknaben bis zu vielen anderen heimischen Orchestern, Instrumentalisten, Opern-, Konzert- und Operettensängern – sie alle waren froh und dankbar, nach Japan fahren und dort für gutes Geld Musik machen zu dürfen. So manche staatliche, aber auch private, musikalische Institution rechnete Auftritte in Japan zu ihren wichtigen Einkünften, für machen waren sie sogar von existenzieller Bedeutung.

Jetzt ist in tragischer und unerwarteter Weise diesem Zustand Einhalt geboten. Bei unseren japanischen Freunden geht es jetzt ums nackte Überleben – und alles andere ist vorerst kein Thema mehr.

Wir wissen aber, über welch heroische Kräfte dieses Volk verfügt, um sich selbst beim Schopf aus dem Sumpf rauszuziehen. Es wird ihm auch diesmal gelingen, wenn auch um den Preis vieler schmerzlicher Opfer. Hoffentlich wird man sich in Tokio, Osaka und andernorts bald wieder nach Musik und nach unseren Musikern sehnen. Doch ich fürchte, man wird noch lange keine Mittel haben, diese so zu honorieren wie bisher. Es wird keine „japanischen Gagen“ mehr gegeben.

Und dann kommt es eben darauf an, dass wir uns dafür bedanken, was dieses Land und die Menschen dort uns – so lange sie konnten – gegeben haben. Und wir alle, große und kleinere Ensembles und Künstler, sollen dann, diesmal ohne „japanische Gagen“, ja vielleicht sogar ganz ohne, nach Japan fahren und dadurch unseren Freunden zeigen, dass wir tatsächlich ihre Freunde sind.

Kurier, 15.3.2011, Gastkommentar: Riccardo Mutis "Nabucco"-Triumph in Rom

Der wieder genesene Meisterdirigent protestierte nach dem Gefangenenchor mit spontanen Worten gegen den Kultur-Kahlschlag in Italien.

Der absolute Höhepunkt dieser Neuinszenierung von Verdis, hierzulande viel geliebtem und viel gespieltem Erfolg "Nabucodonosor" - wie man die Oper in Rom wieder nennt - war, was nach dem Gefangenenchor im 3. Akt des überlangen Abends (zwei lange Pausen und noch eine Lichtpause im 3. Akt) vor sich ging.
Bis dahin war man zu Recht hocherfreut über Mutis alles überragende musikalische Kompetenz und Persönlichkeit gerade auch für dieses Frühwerk Verdis, aber auch darüber, dass er wieder genesen ist, wenn auch seine Gesichtszüge noch leicht lädiert sind.

Über die Nichtinszenierung und die mit herumgeschobenen Wänden ausgestattete Bühne (Jean Scarpitta) ist beim besten Willem nichts zu berichten, außer, dass man staunt, dass so etwas heute noch möglich ist.
Die Sängerbesetzung war ausgewogen, man hörte manch junge neue Stimme, wie die in den dramatischen Koloratur-Teilen leicht bewegliche und mit sicheren, nicht schrillen Höhen, schön singende Abigail der ungarischen Sopranistin Csilla Boros und den jungen russischen Bass Belosselsky mit schöner Stimme, viel Höhe und wenig Tiefe - er ist auch der Banquo in der "Macbeth"- Produktion in Salzburg. Die Titelrolle sang der altbewährte Leo Nucci mit großer Persönlichkeit in der letzten Premiere seiner langen Karriere am Teatro dell'Opera in Rom.

Als der von Muti mit spürbarer innerer Anteilnahme geleitete Gefangenenchor endete und sogar das bekannt kühle und zurückhaltende römische Publikum endlich heftig applaudierte, drehte sich der engstens mit der Situation des heutigen Italien als zerfallener Kulturstaat sich verbunden fühlende Muti zum Auditorium und sprach spontane Worte über die im gesungenen Chor beklagte "Patria perduta" - die verlorene Heimat -, indem er sagte: Wenn Italien die Kunst und die Musik verlöre, sei das Land verloren. Und er wiederholte die Musiknummer, indem er das Publikum zum Mitsingen aufforderte. Das Auditorium und die Orchestermitglieder erhoben sich dabei von ihren Sesseln, und von der Galerie flogen Flugzettel mit Protesten gegen den Kultur-Kahlschlag.

Es war eine hoch emotionelle Atmosphäre im gesamten Auditorium an diesem Abend, rund 150 Jahre nach dem gerade dieser Chor Verdis als ein Symbol der Erreichung von Italiens Unabhängigkeit galt. Die Verschmelzung zwischen Publikum und Ausführenden war ein deutlicher Beweis dafür, was Musik politisch auch heute noch bewirken kann. Muti als Italiener und als Musiker war der große Held dieser Opernaufführung. Und Italiens derzeitige politische Führung deren Antiheld!

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Kurier, 25.1.2011, Gastkommentar: Plácido Domingo zum 70er

Der König im Königshaus: Noch nie in der Geschichte der Oper wurde ein Interpret dermaßen in der ganzen Welt gefeiert wie Plácido Domingo. Aber es gibt auch kein zweites Beispiel für einen Sänger, dessen Leistungskraft und Qualität über 40 Jahre dauert. Kaum jemand, und am wenigsten er selbst, ahnte, dass der am 21. Jänner 1941 in der Calle de Ibiza 34 in Madrid geborene Sohn mexikanischer Zarzuela-Interpreten so berühmt werden sollte, dass noch zu seiner Lebzeit eine Tafel an seinem Geburtshaus angebracht wurde.

Keine Sängerin und kein Sänger hat je so viele Partien gesungen wie er, für keinen wurden vier eigene Opern komponiert - und es könnten noch mehr werden -, kein Sänger bestritt ein Repertoire, welches er genauso gut bei den Bayreuther Festspielen wie auch an der Mailänder Scala oder an der Metropolitan Opera in New York gesungen hat.

Niemand trat öfter als Domingo bei der Eröffnungsvorstellung der Met auf und kein Sänger wurde 100-mal im Laufe einer vollen Stunde nach einer Opernvorstellung auf die Bühne der Wiener Staatsoper gerufen.
Als er am Abend seines 70. Geburtstages neben der Königin von Spanien bis zur Balustrade der Königsloge schritt, das gesamte Auditorium sich erhob und zur Königsloge gewandt ihm applaudierte, trat die feinsinnige Königin Sophia einen Schritt zurück.

Und er, der König der Oper, der von bereits drei Generationen vergötterte aller vergötterten Tenöre, stand da mit Tränen in seinen Augen. Und wir alle im Teatro Real auch.
James Conlon dirigierte ganz hervorragend ein Programm, in welchem dem Jubilar von Angela Denoke bis zu Deborah Polaski und von Bryn Terfel bis zu Erwin Schrott große Kollegen nebst Gewinnern des von Domingo ins Leben gerufenen und weltbekannten Wettbewerbs Operalia mit einem von Gerard Mortier sensibel ausgesuchten Programm die Ehre erwiesen.

Am Ende erschien die spanische Opernikone Teresa Berganza, sozusagen die spanische Christa Ludwig, und würdigte das Geburtstagskind. Als dann Domingo selbst den Ovationen nachkam und von der Königsloge auf die Bühne schritt, wo er kluge, bescheidene Worte sprach und ein paar Takte aus "Ich bin in Madrid geboren" sang, kannte der Jubel kein Ende.
Am übernächsten Tag verkörperte er in einer von Thomas Hengelbrock musikalisch ganz ausgezeichnet gestalteten "Iphigenie auf Tauris" von Christoph Willibald Gluck den Orest.

Neben einer hervorragenden Leistung von Susan Graham in der Titelrolle kehrte er wieder in die derzeitigen Bariton-Fußstapfen zurück, wobei er diese Partie demnächst auch an der New Yorker Met singen wird.
Und so endeten die Feierlichkeiten für wahrlich den allergrößten der großen Opernhelden unseres Zeitalters in seiner Geburtsstadt - natürlich in Anwesenheit seiner drei Söhne, neun Enkelkinder - und seiner Marta.

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Kurier, 20. September 2010, Seite 14. Thema Ausländer in Wien

Die Künstler sind noch am wenigsten betroffen

Der Albaner Alexander Moissi wurde als „Jedermann“ und nicht nur als solcher genauso akzeptiert, bewundert und geliebt wie der mit unüberhörbarem slawischem Akzent singende Leo Slezak. Von der aus Czernowitz kommenden Maria Cebotari bis zur bulgarischen Sopranistin Ljuba Welitsch waren die Idole der Wiener Hofoper und Staatsoper meistens Ausländer, heute würde man sie als Migranten kategorisieren.
Ich könnte mit den Beispielen bis zur Bulgarin Krassimira Stoyanova und zum Südafrikaner Johan Botha fortfahren; Anna Netrebko allerdings passt hier nicht dazu, denn sie ist ja Österreicherin geworden.
Die Zuneigung beziehungsweise die Akzeptanz der Wiener und der Österreicher für Ausländer, für Menschen, die von „da unten“ kommen, ja sogar für jene, die eine schwarze Hautfarbe haben (Olive Moorefield, Reri Grist, Leontyne Price …), war und ist grenzenlos, weil diese Menschen außerordentliche Leistungen bringen.

Antisemitismus

Die Vertreibung und Verfolgung von vormals hochverehrten Künstlern nach dem 13. März 1938 dürfen und sollen nicht mit Ausländerfeindlichkeit verwechselt werden, sie fallen in eine andere Kategorie, jene des rassischen Antisemitismus.
Die Sympathie der Österreicher gegenüber vom Ausland kommenden Dirigenten, Instrumentalisten, Sängern und sogar Regisseuren (von Strehler bis Ponnelle und Zeffirelli) ist also nicht vergleichbar mit der derzeit herrschenden Antipathie gegenüber Migranten. Dass man mit dem Schüren und Erwecken der gemeinsten Gefühle der Menschen je nach Neigung Wählerstimmen lukrieren kann und die Politik gegenüber Ausländern für manche Parteien durchaus Ersatz für eine Ideologie ist, betrifft die in künstlerischen Bereichen Tätigen wenig.
Anders verhält es sich in sogenannten künstlerisch administrativen Leitungsfunktionen. Gustav Mahler wurde sowohl in Budapest als auch später in Wien nicht zuletzt, weil er Jude war, sekkiert und schlussendlich zur Aufgabe der Position des Hofoperndirektors gezwungen. Bei Karl Böhm war es sozusagen umgekehrt: Obwohl Österreicher, wollte man ihn nicht mehr, weil er zu viel im Ausland war. Die feindseligen Stimmen gegen Claus Peymann wurden wiederum vor allem von seinem Preußentum hervorgerufen, was in eine andere Kategorie der Ablehnung von Ausländern in Österreich fällt, die Piefke … Denn es gibt vielfältige Variationen, weswegen sich jene, die von anderswo hierhergekommen sind, in Österreich feindlicher Ablehnung gegenübersehen.

Hilfsbereit

Was mich betrifft, wurde ich vor 50 Jahren als armer rumänischer Flüchtling hilfsbereit in Österreich aufgenommen. Zu dieser Zeit waren auch noch viel weniger Ausländer da als jetzt, und es gab den Eisernen Vorhang. Als man mich jedoch in die Operndirektion holte, waren plötzlich auch meine Abstammung und mein Geburtsland ein für mich spürbares und auch in manchen Medien nachlesbares Manko. Bei vielen Entscheidungen und Veränderungen, die ich später getroffen habe, von der Umbenennung des Gobelin-Saals in Mahler-Saal bis zur Neugestaltung des Eisernen Vorhangs der Oper, kamen immer wieder laute, kritische bis fremdenfeindliche Äußerungen gegen mich.
Im Allgemeinen jedoch betrifft sowohl die von einer Partei zwecks Gewinnung von Wählerstimmen propagierte Ausländer-Raus-Politik als auch die von anderer Seite übertriebene Umarmung der Migranten um jeden Preis am wenigsten das Gebiet der Kunst. Zum Wohle dieser kann ich nur hoffen, dass das auch so bleibt.

 

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16.04.2017

 11:00 Uhr, ServusTV, "kulTOUR mit Holender" Die Elbphilharmonie - Hamburgs...

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30.03.2017

23:25 Uhr, ServusTV, "kulTOUR mit Holender" London - Oper an der Themse

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02.04.2017

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