Kurier, 29. Dezember 2011

Keiner liebte die Oper mehr als Prawy
Als ich 1959 vierundzwanzigjährig nach Wien gelangte, ermöglichte mir die Flüchtlingsorganisation American Rescue Committee (A.R.C.) den Kontakt zu Ernst Haeusserman und Marcel Prawy . Prawy war damals schon an der Volksoper tätig, und durch ihn gelangte ich zum Volksoperndirektor Franz Salmhofer, welcher mir die Regieassistenz bei "Gianni Schicchi" in der Inszenierung seines Vizedirektors Otto Fritz ermöglichte. Musical Prawy versuchte das in Wien vollkommen unbekannte Genre Musical im Spielplan zu integrieren, was ihm trotz heftigstem und aggressivem Widerstand seitens der Belegschaft und vor allem des Betriebsrates schlussendlich auch gelang. "Kiss me, Kate", von Prawy übersetzt als "Küss mich, Kätchen", mit Fred Liewehr als Petruchio war ein echter Erfolg, und viele andere, auch weniger erfolgreiche Musicals folgten. Seine Gestaltung der Programmhefte, bis dahin in dieser Form genauso unbekannt wie Einführungsvorträge, veranlasste den 1970 designierten Staatsoperndirektor Rudolf Gamsjäger, Prawy das Angebot zu machen, an die Staatsoper zu wechseln. Ich erinnere mich gut an mein Gespräch mit Marcello im Volksoperncafé gegenüber dem Bühneneingang und seine Frage: "Holenderchen, du bist ja so gut mit dem Gamsjäger, glaubst du, dass er ein Antisemit war, er war doch bei der Luftwaffe?" Ich antwortete Prawy , dass dies doch vollkommen irrelevant sei - ich wusste es auch wirklich nicht. Einzig relevant sei doch, dass er jetzt die Chance habe, endlich an die von ihm geliebte Staatsoper zu gelangen. Doch lange dauerte sein Glück dort nicht. Prawy schlug Gamsjäger den großen Erfolg der Staatsoper vor dem Krieg, Meyerbeers "Prophet", mit Christa Ludwig als Fides vor. Doch der Tenor dazu wurde leider nicht gefunden und aus dem "Prophet" wurde "Luisa Miller" mit der Ludwig in einer Nebenrolle. Das Verhältnis zwischen dem Staatsoperndirektor Gamsjäger und dem nun auch offiziell Dramaturg genannten Marcel Prawy verschlechterte sich dadurch drastisch. Schlussendlich konnte Prawy außerdem seinen Freund und Mentor Leonard Bernstein nicht dazu bewegen, an das Pult des Hauses zurückzukehren. Prawy wurde wegen überhöhter und im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit beim Österreichischen Fernsehen als "Opernführer" zu häufiger privater Telefonnutzung gekündigt. Eine gemeinsame Bekannte von Bruno Kreisky und Prawy bewirkte bei Kreisky über den Kulturminister Sinowatz die Rücknahme der Kündigung. Doch Prawy landete auf Wunsch Gamsjägers in einem Büro im Hanuschhof und durfte nicht mehr in der Direktionsloge weilen. Gamsjägers Nachfolger Egon Seefehlner holte ihn dann zurück ins Haus. Auch wenn das Publikum bei seinen Matineen einen ziemlich hohen Altersdurchschnitt hatte, waren die Jahre mit Seefehlner als Staatsoperndirektor doch seine glücklichsten. "Möge der Waldheim nur noch lange Bundespräsident bleiben, denn er kommt wegen seinem schlechten Gewissen immer zu meinen Vorträgen", war eines seiner Bonmots. Prawy , der nie regelmäßig aß, die ganze Nacht jederzeit telefonisch erreichbar war, denn er schlief immer wieder "nur dazwischen", wie er sagte, hatte gar kein Verständnis für "Essengehen", Schlafen oder gar Sportmachen. Eigentlich hat er am liebsten und immer Kastanienpüree gegessen - wie oft ging ich mit ihm in den verbogensten Konditoreien und Gasthäusern und zu den unmöglichsten Uhrzeiten Kastanienpüree essen. Immer ohne Schlagsahne! Und jedes Mal ging ich nachher reicher, wissender und irgendwie immer froher weg. Tennis Unzählige Male sagte er mir, er könne nicht verstehen, dass ich mit Tennisspielen und Skifahren meine kostbare Zeit vergeude. Als ich Staatsoperndirektor wurde, schrieb er mir zur Gratulation "und jetzt musst du auch nicht mehr mit Wichtigen Tennis spielen"... Er war das letzte Ehrenmitglied, das im Haus aufgebahrt wurde, und ich durfte die Trauerrede halten. Ich kannte keinen, der dieses merkwürdige Etwas, das wir Oper nennen, mehr liebte als er.
 

 

Kurier, 8. Juni 2011

Die Osterfestspiele und die Globalisierung

Werden in der nahen Zukunft Operninszenierungen an den großen Bühnen einander so ähnlich sehen wie die Automobilmarken? Ein Gastkommentar von Ioan Holender.

Wenn die Dresdner Staatskapelle und ihr Musikchef Christian Thielemann den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle ab 2013 bei den Salzburger Osterfestspielen folgen, das heißt, diese nach ihrem Abgang nach Baden-Baden ersetzen, ist dies kein gutes Zeichen für unsere Opernlandschaft.

Ganz im Gegenteil zum Gebot, stets Neues zu schaffen, noch nicht beschrittene Wege zu gehen, neugierig zu sein und neugierig zu machen, bedeutet dies eine neuerliche Gleichstellung, Uniformierung, Nivellierung, kurz eine auf künstlerischer Ebene nachteilige Globalisierung.
Die Osterfestspiele dürften zu einer zweiten Spielstätte für die Dresdner Semperoper werden und selbstverständlich mit dieser, also de facto mit sich selbst, koproduzieren.
Die Dresdner Inszenierungen dürften folglich auch in Salzburg zu sehen sein und vielleicht auch noch anderswo. Werke der Opernliteratur, welche in Wien und München gespielt werden, werden nun wohl auch dazwischen, sozusagen auf halbem Wege, in Salzburg zu Ostern zu hören sein.

Schon 2013 soll in Salzburg ein neuer "Parsifal" kommen. Und "Carmen", 2012 die letzte Salzburger Premiere der Berliner, steht auch in Wien und in München auf dem Spielplan. Wenn auch nicht - und dies aus gutem Grund - mit derselben Sängerin in der Titelrolle, jedoch mit dem gleichen Partner.

Die paar Hundert Förderer, die noch aus Karajans Zeiten übrig geblieben sind, Bankdirektoren und finanzstarke Wirtschaftstreibende vornehmlich aus Deutschland, wollen einen "Namen". Jener, für welchen sie gerne bereit waren, eine Sonderzahlung, eben den Förderbeitrag zu leisten, ist lange tot. Nun haben sie auch einen "Sir" als seinen Nach-Nachfolger verloren, jetzt wollen sie wenigstens Thielemann, zweifellos ein meisterhafter Dirigent. Wenn schon nicht mehr in München, dann gelegentlich in Salzburg.

Weltreisen

An musikdramaturgische Überlegungen denkt niemand. An Musikwerke, die aus dem Ostergedanken inspiriert und entstanden sind, natürlich auch nicht. In Leipzig werden von Konwitschny Bachpassionen und Kantaten szenisch realisiert, in Salzburg spielt man zu Ostern "Carmen". Und "Arabella", wenn es nach Thielemann geht.
Der neue Wiener "Rigoletto" aus dem Theater an der Wien geht an die MET und an die Scala, die New Yorker "Tosca" kann man jetzt auch in München und Mailand sehen. Dass diese "Weltreiseproduktionen" m eist auch medioker sind, ist Pech, doch prinzipiell nur sekundär.

Werden in der nahen Zukunft Operninszenierungen an den großen Bühnen einander so ähnlich sehen wie die Automobilmarken? Und werden die Salzburg Osterfestspiele dann auch eine dieser werden?

Der ehemalige Staatsoperndirektor erhielt soeben den hohen japanischen "Orden der aufgehenden Sonne".

 

 

Bühne April 2011

Freunde erkennt man in der Not

Ioan Holender. Der ehemalige Staatsoperndirektor ist Artistic Adviser des Spring Festivals in Tokio.

Seit Jahrzehnten ist das Japanische Kaiserreich der größte Importeur österreichischer klassischer Musik. Kein anderes Land in der Welt hat für Japan, was die Musik betrifft, einen ähnlich hohen Stellenwert. Als Folge dessen treten aus keinem anderen Land, sei es Europa oder Übersee, mehr Musiker in Japan auf als aus Österreich. Andererseits wird, was logisch daraus folgt, auch kein anderes Land der Welt von japanischen Musikfreunden zahlreicher besucht als Österreich.

Die finanziellen Bedingungen samt Nebenbedingungen für Japan-Gastspiele waren allesamt höher und besser als irgendwo anders. Angefangen von der Staatsoper über den Wiener Philharmonikern, den Wiener Sängerknaben bis zu vielen anderen heimischen Orchestern, Instrumentalisten, Opern-, Konzert- und Operettensängern – sie alle waren froh und dankbar, nach Japan fahren und dort für gutes Geld Musik machen zu dürfen. So manche staatliche, aber auch private, musikalische Institution rechnete Auftritte in Japan zu ihren wichtigen Einkünften, für machen waren sie sogar von existenzieller Bedeutung.

Jetzt ist in tragischer und unerwarteter Weise diesem Zustand Einhalt geboten. Bei unseren japanischen Freunden geht es jetzt ums nackte Überleben – und alles andere ist vorerst kein Thema mehr.

Wir wissen aber, über welch heroische Kräfte dieses Volk verfügt, um sich selbst beim Schopf aus dem Sumpf rauszuziehen. Es wird ihm auch diesmal gelingen, wenn auch um den Preis vieler schmerzlicher Opfer. Hoffentlich wird man sich in Tokio, Osaka und andernorts bald wieder nach Musik und nach unseren Musikern sehnen. Doch ich fürchte, man wird noch lange keine Mittel haben, diese so zu honorieren wie bisher. Es wird keine „japanischen Gagen“ mehr gegeben.

Und dann kommt es eben darauf an, dass wir uns dafür bedanken, was dieses Land und die Menschen dort uns – so lange sie konnten – gegeben haben. Und wir alle, große und kleinere Ensembles und Künstler, sollen dann, diesmal ohne „japanische Gagen“, ja vielleicht sogar ganz ohne, nach Japan fahren und dadurch unseren Freunden zeigen, dass wir tatsächlich ihre Freunde sind.

Kurier, 15.3.2011, Gastkommentar: Riccardo Mutis "Nabucco"-Triumph in Rom

Der wieder genesene Meisterdirigent protestierte nach dem Gefangenenchor mit spontanen Worten gegen den Kultur-Kahlschlag in Italien.

Der absolute Höhepunkt dieser Neuinszenierung von Verdis, hierzulande viel geliebtem und viel gespieltem Erfolg "Nabucodonosor" - wie man die Oper in Rom wieder nennt - war, was nach dem Gefangenenchor im 3. Akt des überlangen Abends (zwei lange Pausen und noch eine Lichtpause im 3. Akt) vor sich ging.
Bis dahin war man zu Recht hocherfreut über Mutis alles überragende musikalische Kompetenz und Persönlichkeit gerade auch für dieses Frühwerk Verdis, aber auch darüber, dass er wieder genesen ist, wenn auch seine Gesichtszüge noch leicht lädiert sind.

Über die Nichtinszenierung und die mit herumgeschobenen Wänden ausgestattete Bühne (Jean Scarpitta) ist beim besten Willem nichts zu berichten, außer, dass man staunt, dass so etwas heute noch möglich ist.
Die Sängerbesetzung war ausgewogen, man hörte manch junge neue Stimme, wie die in den dramatischen Koloratur-Teilen leicht bewegliche und mit sicheren, nicht schrillen Höhen, schön singende Abigail der ungarischen Sopranistin Csilla Boros und den jungen russischen Bass Belosselsky mit schöner Stimme, viel Höhe und wenig Tiefe - er ist auch der Banquo in der "Macbeth"- Produktion in Salzburg. Die Titelrolle sang der altbewährte Leo Nucci mit großer Persönlichkeit in der letzten Premiere seiner langen Karriere am Teatro dell'Opera in Rom.

Als der von Muti mit spürbarer innerer Anteilnahme geleitete Gefangenenchor endete und sogar das bekannt kühle und zurückhaltende römische Publikum endlich heftig applaudierte, drehte sich der engstens mit der Situation des heutigen Italien als zerfallener Kulturstaat sich verbunden fühlende Muti zum Auditorium und sprach spontane Worte über die im gesungenen Chor beklagte "Patria perduta" - die verlorene Heimat -, indem er sagte: Wenn Italien die Kunst und die Musik verlöre, sei das Land verloren. Und er wiederholte die Musiknummer, indem er das Publikum zum Mitsingen aufforderte. Das Auditorium und die Orchestermitglieder erhoben sich dabei von ihren Sesseln, und von der Galerie flogen Flugzettel mit Protesten gegen den Kultur-Kahlschlag.

Es war eine hoch emotionelle Atmosphäre im gesamten Auditorium an diesem Abend, rund 150 Jahre nach dem gerade dieser Chor Verdis als ein Symbol der Erreichung von Italiens Unabhängigkeit galt. Die Verschmelzung zwischen Publikum und Ausführenden war ein deutlicher Beweis dafür, was Musik politisch auch heute noch bewirken kann. Muti als Italiener und als Musiker war der große Held dieser Opernaufführung. Und Italiens derzeitige politische Führung deren Antiheld!

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Kurier, 25.1.2011, Gastkommentar: Plácido Domingo zum 70er

Der König im Königshaus: Noch nie in der Geschichte der Oper wurde ein Interpret dermaßen in der ganzen Welt gefeiert wie Plácido Domingo. Aber es gibt auch kein zweites Beispiel für einen Sänger, dessen Leistungskraft und Qualität über 40 Jahre dauert. Kaum jemand, und am wenigsten er selbst, ahnte, dass der am 21. Jänner 1941 in der Calle de Ibiza 34 in Madrid geborene Sohn mexikanischer Zarzuela-Interpreten so berühmt werden sollte, dass noch zu seiner Lebzeit eine Tafel an seinem Geburtshaus angebracht wurde.

Keine Sängerin und kein Sänger hat je so viele Partien gesungen wie er, für keinen wurden vier eigene Opern komponiert - und es könnten noch mehr werden -, kein Sänger bestritt ein Repertoire, welches er genauso gut bei den Bayreuther Festspielen wie auch an der Mailänder Scala oder an der Metropolitan Opera in New York gesungen hat.

Niemand trat öfter als Domingo bei der Eröffnungsvorstellung der Met auf und kein Sänger wurde 100-mal im Laufe einer vollen Stunde nach einer Opernvorstellung auf die Bühne der Wiener Staatsoper gerufen.
Als er am Abend seines 70. Geburtstages neben der Königin von Spanien bis zur Balustrade der Königsloge schritt, das gesamte Auditorium sich erhob und zur Königsloge gewandt ihm applaudierte, trat die feinsinnige Königin Sophia einen Schritt zurück.

Und er, der König der Oper, der von bereits drei Generationen vergötterte aller vergötterten Tenöre, stand da mit Tränen in seinen Augen. Und wir alle im Teatro Real auch.
James Conlon dirigierte ganz hervorragend ein Programm, in welchem dem Jubilar von Angela Denoke bis zu Deborah Polaski und von Bryn Terfel bis zu Erwin Schrott große Kollegen nebst Gewinnern des von Domingo ins Leben gerufenen und weltbekannten Wettbewerbs Operalia mit einem von Gerard Mortier sensibel ausgesuchten Programm die Ehre erwiesen.

Am Ende erschien die spanische Opernikone Teresa Berganza, sozusagen die spanische Christa Ludwig, und würdigte das Geburtstagskind. Als dann Domingo selbst den Ovationen nachkam und von der Königsloge auf die Bühne schritt, wo er kluge, bescheidene Worte sprach und ein paar Takte aus "Ich bin in Madrid geboren" sang, kannte der Jubel kein Ende.
Am übernächsten Tag verkörperte er in einer von Thomas Hengelbrock musikalisch ganz ausgezeichnet gestalteten "Iphigenie auf Tauris" von Christoph Willibald Gluck den Orest.

Neben einer hervorragenden Leistung von Susan Graham in der Titelrolle kehrte er wieder in die derzeitigen Bariton-Fußstapfen zurück, wobei er diese Partie demnächst auch an der New Yorker Met singen wird.
Und so endeten die Feierlichkeiten für wahrlich den allergrößten der großen Opernhelden unseres Zeitalters in seiner Geburtsstadt - natürlich in Anwesenheit seiner drei Söhne, neun Enkelkinder - und seiner Marta.

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Kurier, 20. September 2010, Seite 14. Thema Ausländer in Wien

Die Künstler sind noch am wenigsten betroffen

Der Albaner Alexander Moissi wurde als „Jedermann“ und nicht nur als solcher genauso akzeptiert, bewundert und geliebt wie der mit unüberhörbarem slawischem Akzent singende Leo Slezak. Von der aus Czernowitz kommenden Maria Cebotari bis zur bulgarischen Sopranistin Ljuba Welitsch waren die Idole der Wiener Hofoper und Staatsoper meistens Ausländer, heute würde man sie als Migranten kategorisieren.
Ich könnte mit den Beispielen bis zur Bulgarin Krassimira Stoyanova und zum Südafrikaner Johan Botha fortfahren; Anna Netrebko allerdings passt hier nicht dazu, denn sie ist ja Österreicherin geworden.
Die Zuneigung beziehungsweise die Akzeptanz der Wiener und der Österreicher für Ausländer, für Menschen, die von „da unten“ kommen, ja sogar für jene, die eine schwarze Hautfarbe haben (Olive Moorefield, Reri Grist, Leontyne Price …), war und ist grenzenlos, weil diese Menschen außerordentliche Leistungen bringen.

Antisemitismus

Die Vertreibung und Verfolgung von vormals hochverehrten Künstlern nach dem 13. März 1938 dürfen und sollen nicht mit Ausländerfeindlichkeit verwechselt werden, sie fallen in eine andere Kategorie, jene des rassischen Antisemitismus.
Die Sympathie der Österreicher gegenüber vom Ausland kommenden Dirigenten, Instrumentalisten, Sängern und sogar Regisseuren (von Strehler bis Ponnelle und Zeffirelli) ist also nicht vergleichbar mit der derzeit herrschenden Antipathie gegenüber Migranten. Dass man mit dem Schüren und Erwecken der gemeinsten Gefühle der Menschen je nach Neigung Wählerstimmen lukrieren kann und die Politik gegenüber Ausländern für manche Parteien durchaus Ersatz für eine Ideologie ist, betrifft die in künstlerischen Bereichen Tätigen wenig.
Anders verhält es sich in sogenannten künstlerisch administrativen Leitungsfunktionen. Gustav Mahler wurde sowohl in Budapest als auch später in Wien nicht zuletzt, weil er Jude war, sekkiert und schlussendlich zur Aufgabe der Position des Hofoperndirektors gezwungen. Bei Karl Böhm war es sozusagen umgekehrt: Obwohl Österreicher, wollte man ihn nicht mehr, weil er zu viel im Ausland war. Die feindseligen Stimmen gegen Claus Peymann wurden wiederum vor allem von seinem Preußentum hervorgerufen, was in eine andere Kategorie der Ablehnung von Ausländern in Österreich fällt, die Piefke … Denn es gibt vielfältige Variationen, weswegen sich jene, die von anderswo hierhergekommen sind, in Österreich feindlicher Ablehnung gegenübersehen.

Hilfsbereit

Was mich betrifft, wurde ich vor 50 Jahren als armer rumänischer Flüchtling hilfsbereit in Österreich aufgenommen. Zu dieser Zeit waren auch noch viel weniger Ausländer da als jetzt, und es gab den Eisernen Vorhang. Als man mich jedoch in die Operndirektion holte, waren plötzlich auch meine Abstammung und mein Geburtsland ein für mich spürbares und auch in manchen Medien nachlesbares Manko. Bei vielen Entscheidungen und Veränderungen, die ich später getroffen habe, von der Umbenennung des Gobelin-Saals in Mahler-Saal bis zur Neugestaltung des Eisernen Vorhangs der Oper, kamen immer wieder laute, kritische bis fremdenfeindliche Äußerungen gegen mich.
Im Allgemeinen jedoch betrifft sowohl die von einer Partei zwecks Gewinnung von Wählerstimmen propagierte Ausländer-Raus-Politik als auch die von anderer Seite übertriebene Umarmung der Migranten um jeden Preis am wenigsten das Gebiet der Kunst. Zum Wohle dieser kann ich nur hoffen, dass das auch so bleibt.

 

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